Zu Besuch auf einer Hochzeit in Peking

Vor ein paar Wochen stand in einer chinesischen Zeitung, dass sich immer mehr Paare keine Hochzeit mehr leisten könnten. Der Grund ist die starke Inflation. Vor allem Lebensmittel sind massiv teurer geworden. Zum Beispiel kostet Schweinefleisch nun etwa 70 Prozent mehr als noch vor einem Jahr. Wenn man weiss, dass eine chinesische Hochzeit sowieso ein ‚grosses Fressen‘ ist, erstaunt die Aussage kaum.

Genauso wenig, dass Leute zunehmend Alternativen suchen. So steigt auch in China die Tendenz zum so genannten Weddingmoon – das junge Paar unternimmt also nicht einfach eine Reise nach der Hochzeit, sondern heiratet gleich unterwegs. Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, das leuhtet ein. Etwas seltsamer erschien mir der Trend zu Gruppenhochzeiten – wohl eine chinesische Eigenheit. Hier organisiert der Betrieb eine Hochzeit für alle Heiratswilligen der Belegschaft. Jeder darf nur eine handausgelesene Zahl von Gästen mitbringen. Klar geht es nicht um Exklusivität, sondern um die Kosten.

Als mich meine Freundin fragte, ob ich sie auf die Hochzeit einer Schulfreundin mitkommen möchte, war ich natürlich sofort dabei. Wir kamen um zehn Uhr früh in einem Hotel nahe des Himmelstempel an. Einer der Gäste  erklärt mir: ‚Hochzeiten finden in China normalerweise am Abend statt. Nur in Peking ist das anders. Hier sind abendliche Eheschliessungen für die Familie des Kaisers vorbehalten.‘ Er lächelt etwas. ‚Ja, es gibt heute keinen Kaiser mehr. Aber die Regel wurde nie verändert.“

Das Paar fuhr wenig später ein. Er trug sie aus dem Auto, der Fotograf knippste wild und wir liessen so etwas wie Tischbomben mit Konfetti über die beide krachen. ‚Das verspricht, eine traditionelle Hochzeit zu werden‘, raunt mir meine Freundin zu. Tatsächlich kommt nun all das, was insbesondere für jemanden, der das Brautpaar gar nicht kennt, langweilig ist: Kerzen werden angezündet, Bilder aus den Kinderjahren gezeigt. Die Trauung selbst fand dann in westlicher Manier statt.

„Eine Trauung im eigentlichen Sinne gibts in China nicht“, erklärt mir ein Herr Zhang. Er ist auch ein Gast, aber dennoch vom „Fach“. Er arbeitet nämlich in einem „Wedding Event Bureau“, das ist eine Firma, die sich aufs Organisieren von Hochzeiten spezialisiert hat. „Deswegen wollen viele Paare den eigentlichen Trauakt in Form einer westlichen Zeremonie.“ Dabei bleibt es aber nicht. Traditionell wichtig ist der Augenblick, wenn die Schwiegereltern das erste Mal „Mutter“ und „Vater“ genannt werden. Bei unserer Hochzeit geschah dies gleich nach dem Gelübde, der Ringübergabe und dem laaangen Kuss auf der Bühne. „Vorher werden die Schwiegereltern meist mit dem Namen oder als Onkel beziehungsweise Tante angesprochen“, weiss Zhang.

Ich frage Zhang nach den Trends. Nein, sagt er. Den Bericht aus China Daily kenne er nicht, aber aus praktischer Erfahrung könne er genau das Gegenteil beobachten: „Gruppenhochzeiten gibt es seit langem. Sie wurden vor allem nach der Kulturrevolution in den grossen Staatsbetrieben forciert. Auch heute sind das die einzigen, welche das anbieten. Junge Leute wollen immer luxeriösere Hochzeiten“, so Zhang.

„Wir wollten eigentlich eine Reise unternehmen und in einer anderen Provinz heiraten“, erzählt die junge Frau Li, die sich in ihrem Freundeskreis Hermione nennt. Doch die Eltern hätten sie zu einer teuren Zeremonie gedrängt. Der Hintergrund ist, dass Eltern auf einer Hochzeit oft Geld und Geschenke bekommen. Je grösser die Zeremonie, desto höher der Gewinn. „Meine Eltern hatten bei den Hochzeiten der Kinder ihrer Freunde schon viel ausgegeben. Nun wollten sie sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen, selber etwas zu verdienen“, führt Hermione weiter aus.

Das war auch bei dieser Zeremonie so. Jeder Gast muss dem Brautpaar einen roten Umschlag mit Geld geben. Die Menge richtet sich danach, wie gut man das Paar kennt. Ich habe 200 Yuan (20 Euro) gegeben. Das ist angeblich der Beitrag, der für Paare angemessen ist, die man gar nicht kennt.

 

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