Xalapa, 12.10.98

Liebe Freunde,

nun bin ich halt wieder bei Hannes in Jalapa angekommen; dadurch fühle ich mich irgendwie heimisch: kein unangenehmes Gefühl.

Die Tage zuvor war ich in Oaxaca, wo es mir recht gut gefallen hat. Allerdings habe ich mir dort recht wenig (im Verhältnis) angeschaut. Insbesondere halt das im letzen Mail erwähnte Monte Alban, wo man an allen Ecken „echte Antiquitäten“ zu echt überrissenen Preisen kaufen konnte. Die Gegenstände wären ja eigentlich ganz schön gewesen, wenn sie einem nur nicht hätten angeben wollen, dass ihr Sachen  echt sind. Das besondere an dieser Tempelanlage ist, dass sie auf einem Berg liegt, dessen Spitze weiträumig abgetragen wurde, um oben eine grosse Fläche zu erhalten. Angesichts der Grösse ein sehr eindrückliches Unterfangen.

Per Pferd in das nächste Dorf

Nach dem zweistündigen Ausritt konnte ich zwei Tage lang nicht mehr richtig laufen

Der Grund, weshalb ich mir recht wenig angeschaut habe, ist, dass ich in einem Körperteil, den ich hier nicht näher umschreiben möchte, noch immer rechte Schmerzen hatte. Die stammen noch davon, dass ich mich im Chiapas zu einem Caballero gemacht habe. Das heisst, ich bin hoch zu Pferd in ein Indianerdorf geritten. Nur war das Problem dabei, dass dieses  etwa 5km entfernt lag und ich die Strecke grösstenteils in der angeblich schlimmsten Gangart (dem Trab) zurücklegte, wobei ich bei jedem Schritt gegen den Sattel stiess. Ich werde nun wohl eine Weile nicht mehr reiten.

Ein anderes war, dass ich in Oaxaca dieses Mescal versucht habe. Das ist ein Schnapps, welchen hier alle trinken. Einen wirklich echten Mescal erkennt man an einer Besonderheit: es schwimmt ein Wurm drin, welchen die Kenner als das beste der ganzen Flasche bezeichnen. Den Wurm habe ich  nicht versucht. Wie es dazu kam, dass ich als gewissenhafter Nicht-Alkoholkonsument das versucht habe? Eines Nachmittages erzählte ich dem Rezeptionisten meines Hotels, dass ich einen komischen Magen habe. Er meinte, er hätte was dagegen und holte eine Mineralwasserflasche unter der Theke hervor und schütte mir ganz wenig in einen Becher. Das solle mir die Magenprobleme nehmen, meinte er und schob mir den Becher zu. Ich nahm einen Schluck und starb dabei fast. Als ich ihn fragte, gab er an, dass dies 80%iger Schnapps gewesen wäre. Aber es hatte seinen Zweck nicht verfehlt: Mit brannte danach der Hals so sehr, dass ich mir über den Magen keine Gedanken mehr machte.

Hannes und Fabienne zuhause

Hannes und Fabienne zuhause

Gestern war ich noch in Puebla. Dort habe ich in einem CD-Laden eine Studenten kennengelernt, der mich zu einem Gothic-Literatur-Zirkel mitgenommen hat. Dort lasen sie zum Klang von Lacrimosa Edgar Allan Poe. Ich musste sogar vor den etwa 15 Leuten eine kleine Rede auf Spanisch halten (war über mich selbst erstaunt, dass ich das hinbekam) und deutsche Gedichte vorlesen, die sie so wundervoll grausam fanden. Mit einem von ihnen, der Germanistik studierte (aber keinen deutschen Satz rausbrachte, doch die ganze Grammatik intus hatte), disktuierte ich die halbe Nacht über Nietzsches Ansicht zum Willen zur Macht und über Musik. Als ich dann um sechs Uhr früh ins Hotel kam, hatte der Portier nicht gerade Freude an mir.

Ihr seht also, dass es mir hervorragend geht und dass ich viel erlebe. Traurig stimmt mich nur, dass ich schon bald wieder heim muss.

viele Grüsse, Oliver

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