Varanasi: Die Stadt des Lichts

Mädchen, das an den Ghats von Varanasi Henna-Farbe verkauft.

Wie zuvor in Agra war ich mir auch bei Varanasi nicht sicher, ob ich die heilige Stadt wirklich besuchen soll. Ich hatte Respekt vor den verrückten Heiligen, die nackt durch die Gegend ziehen, der regelrechten Sterbeindustrie am Gangesufer und dem unglaublichen Schmutz, von dem alle Reisenden berichten. Dazu kam, dass es unter den Touristen, die man in Indien immer wieder trifft, einen Diskurs gibt, der Varanasi zu einem Heiligtum des Backpackens stilisiert: Wer Varanasi übersteht, der ist indientauglich.

Halbnackte erregen in Varanasi kaum Aufmerksamkeit

Wir führen mit einem Taxi zu unserem Hotel, etwas flussabwärts direkt an einem Ghat. Der Weg führte uns an westlichen Schnellimbissläden und Einkaufspassagen vorbei. Ich versuchte mir den Ort zu merken, dass ich nach einem Monat Palak Paneer und Kofta mal wieder Lust auf eine Pizza hatte. Doch das Taxi fuhr immer weiter, bis es irgendwann um die Ecke bog und wir in eine andere Welt eintauchten. Enge Gassen, alte Häuser und ein Fahrer, der sich in dem dunklen Labyrinth immer wieder verirrte.

Da ich bereits wieder alle meine sauberen Kleider aufgebraucht habe, war das erste, was ich am nächsten Morgen tat, meine T-Shirts in die Wäscherei zu geben. Später sah ich bei einem Ghat, was mit der Wäsche geschieht.

Die saubere Wäsche wird auf dem staubigen Treppen zum trocknen hingelegt.

Nachdem Unmengen von Seifenlauge auf die Kleider aufgetragen wurden, werden sie auf Steinplatten gelegt und mit einem Holzprügel bearbeitet. Ob die Wäsche durch diese Tortur wirklich sauber wird, ist schwer zu beurteilen, denn die Arbeiterinnen legen sie zum Trocknen gleich auf das staubige Ufer – dort, wo ein paar Minuten früher ein paar Rinder einen Fladen hinterließen.

Ein Spaziergang an den Ghats ist hoch interessant. Es gibt rund hundert solche Treppen, die ins Wasser führen. Die meisten von ihnen dienen Badenden dazu, ins Wasser steigen zu können. Obwohl die Sonne kaum über den Horizont gestiegen war, befanden sich schon jede Menge Pilger im Wasser, die ihre Sünden reinwuschen. An allen Ecken wurden wir angesprochen. Ob wir ein Set Henna-Farben wollen (für meine Schwester gekauft), ob wir eine Tour mit dem Boot machen wollen, ob wir eine andere Tour in einem Boot machen wollen oder ob wir nochmals eine andere Tour unternehmen wollen. Die Eintönigkeit der Fragerei begann mehr zu stören als die Fragerei selbst.

Der Rikschafahrer mit dem irren Blick

Wir entschlossen uns also nicht mehr den Ghats entlang zu laufen, sondern parallel durch die Gassen. Während man am Fluss ganz auf die Seligkeit eingestellt ist, gehört die zweite Linie dem Kommerz. In den alten Häusern gibt es unzählige kleine Läden mit Souvenirs. Ich kaufte mir ein paar Armbänder mit Om-Zeichen.

Plötzlich höre ich ein Rufen und Schreien, dann rennen vier Leute mit einem Sarg auf der Schulter an mir vorbei. Wir hatten uns also den berühmten Ghats genähert, wo rund um die Uhr Leichen verbrannt werden. Als fünf Minuten später die nächste Leiche an uns vorbei huschte, eilten wir dem Zug nach. Hier brannten bereits mehrere Holzfeuer. Auf einer lag bereits eine Leiche, ein verkohltes Bein schaute zwischen den abgebrannten Tüchern heraus.

Wir versuchten, auf eine kleine Anhöhe zu gehen und von dort aus das Treiben zu beobachten. Doch wurden wir gleich wieder weggeschickt. „No Photos!“, hieß es unsanft. Offenbar stören Touristen, die gleich neben dem Feuer stehen, weniger als Fremde, die möglicherweise unbemerkt ein Foto machen.

Mit dem Ruderboot auf dem Ganges

Ich fühlte mich nicht so wohl, zwischen all den Trauernden. Also gingen wir zum Fluss runter, um mit einem Boot wieder flussabwärts in Richtung Hotel treiben zu lassen. Der Fährmann wiederholte ebenfalls immer wieder, dass man keine Fotos machen dürfe. Für heimliche Fotos müsse man eine Strafe von 2000 Rupien bezahlen. Ich hatte das Gefühl, dass sich hinter diesem Hinweis eine andere Bedeutung versteckt. Wenn wir ihm ein Schweigegeld geben, würde er uns nicht verpetzen. Aber ich hatte ohnehin keine große Lust, brennende Leichenteile zu fotografieren.

Als wir schließlich wieder im Hotel ankamen, taten mir die Füße weh. Ich war den ganzen Tag in Flipflops durch die Stadt gelaufen, weil mir auf dem Weg hierher im Schlafbus meine guten Schuhe gestohlen worden waren.

 

3 Responses to Varanasi: Die Stadt des Lichts

  1. Varanasi ist der pure Wahnsinn. Wir sind gleich am 3. Tag in Indien dort aufgeschlagen, nachdem wir Old-Delhi überstanden hatten. Wahrscheinlich hast du recht, wer Varanasi übersteht ist indientauglich. Mumbai kam mir am Ende schon richtig normal vor.

  2. Robin Bergmann sagt:

    Ich war 2011 in Varanasi und fand die Stadt sehr schön. Was heißt schön, ich fand sie auf ihrer Art und Weise an den Ghats sehr interessant. Ich konnte unterschiedliche Menschen kennen lernen und bei ihren Aktivitäten beobachten. So habe ich Japaner kennen gelernt, Chinesen auf der Weiterreise nach Khajuraho und etliche Westler im typischen Backpacking-Outfit.
    Ich bleib dort 3 oder 4 Tage, lag aber auch daran, dass ich krank wurde. Habe noch Abstecher in nahe gelegene Orte mit buddhistischen Klöstern gemacht. Halb angeschlagen bin ich dann vom Bahnhof Richtung Khajuraho gefahren und dort habe ich dann einige Chinesen kennen gelernt.

    • Oliver sagt:

      Das ist ja witzig, Robin. Die meisten Leute gehen nach Indien, um Inder kennenzulernen, nicht Japaner und Chinesen. 🙂 Du hattest sicher eine tolle Zeit.

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