Tana Toraja: Zu Gast bei einer traditionellen Bestattung

Eine Puppe mit dem Anlitz des Verstorbenen führt die Prozession an.

Das Land der Toraja ist vor allem wegen seiner bizarren Totenrituale bekannt. Wenn jemand ablebt, kann er locker drei Jahre in seinem Zimmer auf die Beerdigung „warten“. Da gerade eine Feierlichkeit stattfand, entschloss ich mich, der Familie einen Besuch abzustatten. Vorsicht, hässliche Bilder!

Bestattungen sind in Tana Toraja eine große Sache. Vor allem dann, wenn jemand aus der Oberschicht gestorben ist. Als ich in Rantepao eintraf, sprachen bereits alle von der anstehenden Zeremonie. „Sie wird ganz groß sein“, erklärte mir der Mann an der Rezeption gleich bei der Ankunft. „Die Familie wird über 24 Büffel opfern.“

Ich entschloss mich, den Feierlichkeiten beizuwohnen. Damit ich alles etwas besser verstehe, sprang ich für einmal über meinen Schatten und nahm einen Guide, der mich und ein paar andere aus dem Hotel in die bizarren Bestattungsrituale der Torajas einführte. „Die Zeremonie ist öffentlich“, erklärte der Führer. „Jeder kann daran teilnehmen.“ Allerdings sollte man ein Geschenk mitbringen. „Zigaretten sind am besten.“ Das finde ich zwar kein besonders gutes Geschenk. Aber irgendwie hat es auch eine eigene Ironie, „Sargnägel“ an eine Beerdigung zu bringen.

Einfluss des Christentums: Die Trauernden tragen bei den Toraja schwarz.

Die Torajas leben im Hochland von Südsulawesi und waren lange von der Umwelt weitgehend abgeschnitten. Erst um 1905 begannen die Holländer die Region unter ihre Gewalt zu bringen und ihr protestantisches Gedankengut zu verbreiten. Heute ist der größte Teil der Bevölkerung christlich und viele der Traditionen sind verlorengegangen. Doch nicht allem „Aberglauben“ konnten die Kolonialisten den Gar ausmachen.

Als wir beim Haus des Verstorbenen ankamen, war die Zeremonie schon voll im Gange. Hunderte Leute waren auf dem Vorplatz des luxuriösen Anwesens versammelt. Man lachte, erzählte sich Geschichten. Viele Frauen tragen schwarze Kleider. Sie posieren immer wieder für Fotos – sowohl von Familienangehörigen wie von Touristen. In der Mitte steht der Sarg. Hier liegt der Verstorbene drin.

Wie ich erfahre, war der ältere Herr – ein Angehöriger der Lokalregierung – bereits vor drei Jahren gestorben.  Doch die Tradition will, dass man die Toten eine Weile in ihrem Zimmer trocknen lässt. Heute wird ihnen Formalin gespritzt, damit sie nicht zu stinken beginnen. Früher waren es traditionelle Kräuter, mit denen man die Leiche jeweils einrieb. Die Hinterbliebenen wollen offenbar das Ableben ihrer Verwandten nicht wirklich akzeptieren: Bis zur Bestattung sprechen sie nur vom „Kranken“. Wer sein Zimmer betritt, muss den Toten grüßen. Wenn man den Raum verlässt, muss man die Leiche erst um Erlaubnis bitten.

Eine gewaltige Menschenmenge folgt der Prozession.

Nun beginnt die Prozession.  Etwa zehn Männer heben den Sarg unter schrillem Geschrei hoch und schütteln ihn kräftig durch. Wenn der gute Herr nicht schon seit drei Jahren tot wäre, müsste er spätestens jetzt aufwachen. Jetzt kommt Bewegung in den Zug. Vorne sitzt eine Puppe, die den Verstorbenen abbildet, auf einer Sänfte. Sie ist über ein etwa dreihundert Meter langes rotes Band mit dem Sarg verbunden. Die Gäste stehen unter dem Band und laufen so mit der Prozession mit. Vor der Puppe tanzen drei Kämpfer.

Auf dem Schlachtfeld

Wenige hundert Meter entfernt befindet sich auf einem Feld die Festanlage. Aus Bambus war hier in wochenlanger Arbeit eine gewaltige Tribüne aufgebaut worden, die locker Tausend Besucher unterbringen kann. Die Familie kommt vorbei und schüttelt jedem die Hand. Wir bekommen Kaffee, Tee und verschiedene selbstgebackene Kuchen. Nun ist der Zeitpunkt, die Zigaretten zu übergeben.

Auf dem Zeremoniengelände beginnt derweil eines der wichtigsten Schauspiele: die rituelle Schlachtung der Bullen. Heute müssen zwei Tiere dran glauben.  Die Tiere werden auf dem Platz herumgeführt und dann gewaschen. Daneben steht ein Mann mit einer Machete. Er hebt den Kopf des Bullen in die Höhe und schneidet ihm mit voller Wucht die Kehle durch. Das Blut spritzt aus der etwa fünf Zentimeter tiefen Wunde. Das Tier weiß nicht, wie ihm geschehen ist. Es bleibt regungslos stehen, gibt keinen Ton von sich und sackt nach wenigen Sekunden bewusstlos zusammen. 

Rituale Schlachtungen gehören bei den Bestattungen in Tana Toraja dazu. Angehörige der Oberschicht müssen mindestens 24 Tiere opfern.

Beim zweiten Bullen führt der Meister den Schnitt nicht so professionell durch.  Auch hier beginnt das Blut sofort zu spritzen. Aber der Bulle bleibt bei Bewusstsein. Er versucht zu fliehen, verliert das Gleichgewicht und fällt in seine eigene Blutlache. Er versucht wieder aufzustehen. Der Schlachtmeister will dem Leiden des Tieres ein Ende setzen und versucht einen zweiten Schnitt anzusetzen. Aber der Bulle hält nicht still und er kann lediglich in der Wunde rumstockern. Es kommt ein dritter Schnitt. Nach etwa zwei Minuten ist auch dieses Schauerspiel zu Ende. Kaum lag das Tier regungslos am Boden kam das Essen:  Ein Fleischgericht mit Reis.

Tote Kinder in den Bäumen

Am Nachmittag war noch ein Stierkampf angesagt. Aber ich hatte für heute genug Blut gesehen und wollte wissen, was mit den Toten anschließend passiert. In der traditionellen Vorstellung der Toraja können die Verstorbenen ihr Hab und Gut ins Jenseits mitnehmen.  Die Toten erhalten daher jede Menge wertvolle Grabbeilagen. Um diese vor Räuber zu schützen, begannen die reicheren Familien, ihre Verstorbenen in Felsgräbern und in versteckten Höhlen beizusetzen.  Ich war in einer solchen Höhle. Die Särge waren längst verfallen und die Schädel der Verstorbenen lagen irgendwo auf der Seite der Höhle herum. Gruselig.

Erdbestattungen sind in Tana Toraja tabu. Deswegen werden die Toten in Höhlen und heute hauptsächlich in eigenen Totenhäusern bestattet.

Etwas davon entfernt gibt es einen Baum, in dem Kinder und Föten beigesetzt wurden. Es ist eine bestimmte Baumart, die über viel Harz verfügt. Er soll die Kinder ähnlich wie Muttermilch nähren. Die Idee ist, dass die Babies gemeinsam mit dem Baum wachsen. Heute wird dies allerdings nicht mehr so gemacht.

Ohnehin ist fraglich, ob sich die Traditionen noch lange halten können. Eines der größten Probleme sind die hohen Kosten für die Beerdigungen. Unser Guide beispielsweise stammt aus dem Adel. Wenn er stirbt, muss seine Familie für seine Beerdigung mindestens 24 Büffel opfern. Wenn man weiß, dass eines der Tiere bis zu 10.000 Euro kostet, kann man sich vorstellen, dass ein Todesfall für eine Familie eine gewaltige finanzielle Belastung ist.

Hinter jedem Türchen befindet sich ein toter Fötus oder ein gestorbenes Baby.

Dennoch ist unser Guide davon überzeugt, dass die Tieropfer nicht aufgegeben werden und zwar aus genau dem gleichen Grund: dem Geld. Das ganze Opfersystem unterliegt einer komplizierten eigenen Ökonomie. Das Fleisch der Tiere wird nämlich unter den Familien, welche die Bestattung besuchen, verteilt.  „Im Verlaufe seines Lebens sammelt jeder Bewohner dieser Region eine gewaltige Menge an Fleischschulden an, die er bei seinem Tod zurückzahlen muss.“

2 Responses to Tana Toraja: Zu Gast bei einer traditionellen Bestattung

  1. […] Oli ist derzeit vor Ort und nahm als Gast an solch einer traditionellen Bestattung teil. Auf seinem Reiseblog berichtet er über das Erlebte.In Thailand gibt es wunderschöne Orte zum Klettern. Einen davon, […]

  2. […] regelmässig Busse in das sehr sehenswerte Tana Toraja, über dessen bizarre Totenritualle ich hier mehr geschrieben […]

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