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Olympiaden und Teehäuser, Peking, 23.7.01

Liebe Freunde,

ich bin nun schon seit bald einer Woche in Peking und halte mich allmählich in der Lage, einen ersten Eindruck vermitteln zu können und vielleicht dazu beizutragen, dass sich euer Chinabild einen ähnlichstarken Ruck bekommen kann wie meines.

Guomao: Modernes Stadtzentrum von Peking.

In der Mitte Pekings liegt die verbotene Stadt. Heute ist sie weniger verboten als andere Gebäude, die ganz in der Nähe stehen, und in meinem Reiseführer steht vortrefflich die deflationäre Tendenz der Eintrittskosten beschrieben, hätte doch das, was ich vor ein paar Tagen gemacht habe vor zwei hundert Jahren das Leben gekostet. Diese Verbotene Stadt ist unheimlich weitläufig und vor allem die kleinen Gässchen auf den Seiten haben es mir sehr angetan. Das sind diese, durch welchen der letzte Kaiser laut dem gleichnamigen Film vor seinen Dienern davon gelaufen ist.

Haptische Krieger und gelbe Euphemismen, Lanzhou, 31.7.01

Guten Abend liebe Freunde,

ich befinde mich momentan in Lanzhou, der Hauptstadt der Provinz Gansu, und wollte noch das eine oder andere loswerden, bevor ich in die halbtibetische Wildnis reise, wo die Kommunikationsmöglichkeiten vielleicht ein bisschen eingeschränkter sein könnten. Nachdem ich das letzte Mail aus Peking geschrieben habe, hat sich einiges getan. Zuerst einmal hatte ich die haptische Erfahrung der Grossen Mauer machen können – der dichte Nebel hatte auch seinen Vorteil: man konnte die Massen an chinesischen Touristen nicht so gut sehen und glaubte sich ein bisschen abgesonderter. Es ist erstaunlich, wie viele Chinesen im Sommer Zeit und Muse finden, um ihr eigenes Land zu entdecken.

Terrakotta-Armee in Xian

Danach fuhr ich mit dem Zug nach Xi’an. Weil sich China ja ein kommunistisches Land nennt (obwohl ich noch nie einen wilder ausufernderen Kapitalismus erlebt habe als hier), strebt es eine klassenlose Gesellschaft an. Daraus folgt unweigerlich, dass es auch in den Zügen keine unterschiedlichen Klassen geben kann. Dafür gibt es Hard- und Soft-seater und Hard- und Softsleeper… worin der Unterschied zu den Klassen besteht, kann ich nicht erklären, aber es gibt bestimmt einen! vielleicht sollte ich mal einen der Schaffner fragen. Achja, die Schaffner… ich habe mich hier beim Zugfahren schon mehrmals gefragt, weshalb es etwa fünf Frauen und etwa drei bewaffnete Schaffner braucht, um die Tickets zu kontrollieren. (Vor allem in Anbetracht dessen, dass man die Fahrkarte schon mehrmals vorweisen muss, bevor man den Zug überhaupt gesehen hat und man ohne Ticket den Bahnhof überhaupt nicht betreten kann.) Wie auch immer, ich bin im Zug nach Xi’an gereist und habe für diese 15 stündige Fahrt einen Hardseater gewählt – eigentlich weniger des Ersparnisses wegen, als weil das die einzige Klasse (oh Sorry!) war, mit welcher ich die Stadt innerhalb weniger Tage verlassen konnte. Die Züge sind immer hoffnungslos überbucht! Ich war zwar an allen Ecken davor gewarnt worden, dass ich das nicht überleben würde; tatsächlich hat sich die Reise als recht komfortabel erwiesen und dass ich ein paar Tage zuvor das nationale chinesische Kartenspiel erlernt hatte, kam mir dann zu Gute und schuf bei den Mitreisenden Sympathien.

Tibetische Adler und fotogene Mönche, Chengdu, 13.8.01

Liebe Freunde,

ein weiterer thematischer Block meiner Reise ist mit meiner Ankunft in Chengdu vorüber gegangen: nämlich die Durchquerung eines Berggebietes, welches traditionell von Tibetern bewohnt ist, jedoch dank der Divide-et-impera-Politik der Chinesen für uns Touristen auch ohne spezielle Bewilligung zugänglich ist. Diese Politik schlägt sich dann auch in den entsprechenden Backpackerscharren nieder, die durch die engen Hochtäler strömen.

Wichtiger tibetischer Tempel in Xiahe.

Von Lanzhou, dem wüstentrockenen Ort, von dem ich Euch das letzte Mal geschrieben habe, bin ich nach Xiahe gereist. Wer diesen Ort auf einer Karte suchen möchte, sollte sich besser mit einer Lupe bewaffnen, denn nebst den 1000 tibetischen Mönchen und den Backpackern, wird der Ort von ein bisschen mehr Han-Chinesen bewohnt, die durch ihre ungehobelte Art den Charme des Ortes noch mehr beeinträchtigen, als die vielen Langnasen. Der Ort ist in zwei Hälften geteilt: in der einen wohnen die Chinesen in der anderen die Tibeter. Während die Sorge der ersteren in erster Linie darin zu bestehen scheint, eine breite Autobahn mitten durch den Ort zu ziehen, bilden sich zweitere in einem wunderschönen Kloster aus. Bei der Führung durch das Kloster drängte sich bei mir immer der Vergleich zu einer Uni auf. Schon alleine wie das ganze organisiert und in verschiedene „Dekanate“ – wenn dieser eurozentrische Ausdruck hier einmal erlaubt sein möge – geteilt ist. Genauso können ältere Mönche professorengleich selbst den Unterricht erteilen.

Schlafende Reisröllchen und hupende Mingwohnungen, Chengdu, 17.8.01

Hallo zusammen,

heute ist mein letzter Tag hier in Chengdu, bevor ich weiter nach Süden reise und die Stadt verlasse, deren Polizei mich drei Tage gekostet hatte…

Im Campus von Chengdu

Chengdu als Stadt ist eigentlich nichts wirklich Besonderes, man muss dem aber auch vorausschicken, dass eigentlich keine der Provinzhauptstädte etwas besonderes sein dürfte. Durch eine stark zentralisierte Stadtplanungspolitik (der selbe Stadtplaner in Peking und in Chengdu) sehen diese Städte eigentlich alle verwechselbar ähnlich aus. Dennoch ist Chengdu nicht gerade unfreundlich, zumal in der Innenstadt das Hupen bei 200Y (also rund 40 Franken – was hier eine Menge Geld ist) verboten. Das klappt und schont meine Nerven…
Doch diese Wohnung, welche ich mit meinen beiden Reisegefährten bezogen habe, lag leider etwas ausserhalb dieser hupfreien Zone. Immerhin hatten wir aber drei Zimmer und einen Fernseher mit DVD-Player, wo wir den neuesten Filmen huldigen konnten. (DVDs sind hier unglaublich billig und sehr populär. Und seit ich gestern Abend im Kino gewesen bin und auf einem etwas unscharfen, dafür wirklich grossen Fernseher, einen jämmerlichen Amistreifen geschaut habe, konnte ich verstanden, weshalb in China bisher noch niemand meine Meinung teilte, dass das Bild im Kino besser sei.)

Buddhas Siesta und sechs Hundekuchen, 25.8.01

Salve Lectande! (sollte ein Vokativ sein)

Ein sonniger Tag im Süden Chinas lässt grüssen, eine wundervolle Umgebung und eine friedliche Stadt gebietet zu bleiben und doch wartet ein Bus nach Kunming auf mich, wo ich endlich die Visumsangelegenheiten der nächsten Etappen erledigen will.

Der grosse Buddha von Leshan

Als ich mich vor rund einer Woche endlich aus Chengdu lösen konnte, fuhr ich nach LeShan. Hier konnte ich mal wieder erkennen, dass meine chinesisch Kenntnisse noch immer nichts taugen: hatte ich doch erwartet, dass man den Ort wie Lö-schan ausspricht, musste ich doch erfahren, dass man ihn phonetisch von der Stadt Lausanne am Genfersee nicht unterscheidet. Die Hauptsehenswürdigkeit dieses Ortes ist, dass dort der grösste Buddha rumsteht, (seit einem Jahr sogar mit Abstand der grösste.) welcher höhenmässig etwas dem Münster in Basel entspricht. Dabei übersieht man leicht, dass auch der Höhe ein anderer Buddha pennt, der mit seinen nahezu 200m ein bisschen gigantisch ausgefallen ist. In den Höhlen gibt Reliefs mit erotischen Darstellungen, die stark an die indischen erinnern, was allerdings auch nicht sonderlich erstaunt.

Gesichtslose Pagoden und Blutwürste, 2.9.01 BaoShan

Liebe Leute,

wieder mal ein Bus, der auf sich warten lässt und somit eine weitere Gelegenheit, einen Internetexzess auszuleben. Der Ort, den ich gerade besuche, hat zudem auch zu wenig zu bieten, um mir eine ernsthafte Alternative zum Internet zu sein. Eigentlich müsste es hier gemäss Reiseführer eine Altstadt geben – aber wie so viele in China, ist inzwischen auch diese wegmodernisiert worden. Nun ist Baoshan eine moderne gesichtslose Stadt geworden mit einem kleinen Pärkchen und einer wundervollen Pagode, was man in einer zweistündigen Tour besichtigt hat. Ein weiteres Problem ist die Hotelsituation hier: es gibt zwar massenweise billige und gute Unterkünfte, aber die behaupten ernsthaft, dass alle billigen Bett in der ganzen Stadt schon belegt seien. Wie auch immer, ich bin schliesslich in einem Hotel untergekommen, wo die Preise stundenweise angeschrieben stehen.

Einer der Hauptplätze von Lijiang

Doch was ist inzwischen sonst geschehen? Von Lijiang, wo ich mich das letzte Mal gemeldet habe, bin ich nach Kunming gefahren. Das ist der Hauptort Yunnans, und die für mich wichtigste „Sehenswürdigkeit“ war die laotische Botschaft. Das Visum bekam ich viel leichter als erwartet. Als ich den Botschafter fragte, ob nun die Grenze zwischen Laos und Kambodscha offen sei, meinte er nein, aber mit zehn Dollar könne ich die Zöllner bestechen, das sei kein weiteres Problem. Wieso nicht, wenn man diese Auskunft von so offizieller Stelle bekommt? Allerdings habe ich dann ein paar Tage später eine Israelin getroffen, die meinte, dass die Einreise tatsächlich kein Problem sei. Schwieriger (und auch teurer) wird’s dann bei der Ausreise, weil man ja keinen offiziellen Stempel bekommen hat. So werde ich dann wohl den Umweg über Thailand machen, wo ich vielleicht auch das eine oder andere Souvenir zwischenlagern kann.

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