Schweinische Visareien und kartenspielende Kopftücher

Hallo Leute,

da dies hier das erste Internetcafe ist, das ich seit meiner Einreise in den Iran gesehen habe, nahm ich die Gelegenheit wahr, um ein kleines Mailchen an alle zu schicken. Ich bin zwar erst seit ein paar Tagen im Iran, doch so vieles ist so sehr anders als ich es mir vorstellt habe und das lässt mir keine Ruhe, bis ich davon berichte. Ich bitte deshalb um Nachsicht, dass ich schon wieder mit meinen Geschichten aus der Ferne langweile.

Super-delux-Bus (Tabrizterminal)

Nunja, der erste Eindruck von Iran war eigentlich die Botschaft in Erzurum. Wir hatten grosses Glück und dieser Eindruck wurde für ein guter – normalerweise äussern sich die meisten Touristen eher negativ dazu, wieder andere geben es gleich auf und reisen nach Syrien oder in ein anderes „anständiges“ Land, ohne dabei zu ahnen, was sie verpassen. Die Sache ist nämlich die, das die ganze Visumgeschichte eine grossangelegte Schweinerei ist. Die Bestimmungen, wer ein Visum bekommt und wer nicht, sind alles andere als klar. Viele Leute gehen auf die Botschaft, und werden dort vom Botschafter höchstpersönlich darauf hingewiesen, dass sie mit einer „geführten Tour“ reisen müssen. Das ist natürlich nicht wahr. Etwas anderes müssen sie jedoch tun: ein Reisebüro aufsuchen (der Botschafter gibt die Adresse und betont, dass es kein anderes sein könnte) und einen Aufpreis von 80 Dollar für die besagte „geführte Tour“ hinblättern, die aber letztlich nichts anderes ist, als ein Bestechungsgeld, welches sich der Botschafter und das Reisebüro teilen.

Gemäss einem Hotelbesitzer an der Grenze zum Iran (auch dort wo sich das Reisebüro befindet) hatten wir das Glück, dass es offenbar eine Quote dafür gibt, wie viele Leute mindestens ein Visum bekommen sollen. Es lässt sich also leicht verstehen, dass man auf der türkischen Seite viele Schmähreden hört. Weshalb wir keine Probleme hatten, weiss ich nicht. Vielleicht hat es sich ausgezahlt, dass wir uns richtig gekleidet haben und Mio im Mantel und mit Kopftuch erschien… Für diejenigen Leser, die selbst in der Türkei ein iranischen Visumbeantragen wollen: momentan scheint dies in den Botschaften von Ankara und Trabzon (!) am einfachsten zu sein.

Alte Brücke in Esfahan

Als wir dann im Iran angekommen sind, erwies sich alles als viel einfacher, als wir es uns vorgestellt haben. An der Grenze rief der Grenzwächter „Tourista, Tourista“ und schon hatten wir die lange Kolonne an wartenden Einheimischen überholt und waren beim Zoll. Wider Erwarten fragte der uns nicht, ob wir Alkohol oder Bilder von Frauen mithatten, sondern eher wie es uns geht, wohin wir reisen, was wir so tun und so weiter.

Per Bus fuhren wir nach Tabriz, der Hauptstadt der aserbaidschanischen Minderheit im Iran. Dort beginnen wir gleich die erste Todsünde und können von Glück reden, dass wir nicht gesteinigt worden sind. Nein, im Ernst: als wir auf den Bus warteten, wollten wir aus alter Gewohnheit im Restaurant Karten spielen. Das erweckte aber den Zorn des Besitzer und wir wurden auf direktem Weg rausgeworfen. Erst später erfuhren, dass das Schach das einzige Spiel ist das in Iran erlaubt ist. Wieso? Keine Ahnung, aber kurz vor seinem Tod hat der grosse Imam Khomeini Musik und Schach ausdrücklich erlaubt, vielleicht weil er dieses Spiel selber sehr schätzte, wie ein Iraner uns schmunzelnd erklärte.

Khomeini ist der grosse Mann im Land, auch wenn er schon seit rund 20 Jahren tot ist. Man sieht sein Bild etwa gleich oft wie Mao in China, Atatürk in der Türkei und Lenin in der Sowjetunion. Wie sehr er heute noch verehrt wird, lässt sich sehr schwer abschätzen. Ich bin jedoch noch keinem begegnet, der enthusiastisch von ihm sprach. Vielleicht hängt das aber auch mit der Sprachbarriere zusammen.

Imam-Khomeini-Platz (Esfahan)

Er hat den Islam in einer recht strikten Form zu etablieren versucht, einer Form, die sich in den Jahren nach seinem Tod nicht halten liess. Deshalb ist heute alles viel offener. Der Schleier der Frauen mag dies sinnbildlich verdeutlichen: natürlich wird er zwar nach wie vor von allen Frauen getragen, jedoch oft so weit hinten, dass man schon bald eher von einem Schal als von einem Schleier sprechen kann. Ein Traveller, der schon mehrmals im Iran gewesen ist, meinte, dass der Schleier jedes Jahr etwa ein bis zwei Zentimeter nach hinten wiche… Mal sehen, was noch kommt. Man kann auch mit Leuten über Religion diskutieren, auch in wenig dogmatischer Weise. Allgemein ist der Islam viel weniger präsent, als ich es mir vorgestellt habe. Ich habe zum Beispiel noch nie Leute auf der Strasse beten sehen…

Wie auch immer Tabriz war eine touristische Enttäuschung, wären da nicht überall die netten Leute gewesen. Die einzige Sehenswürdigkeit der Stadt wird nun schon seit bald 10 Jahren renoviert. Dafür war Hamadan, mit einen riesigen Höhlen, wunderbar. Auch Esfahan, wo ich nun bin, ist eine wundervolle Stadt. Der riesige Platz mit verschiedenen Moscheen gleicht den Bildern aus 1001 Nacht, auch wenn diese ein bisschen wo anders entstanden sind.

Hier traf ich vorhin einen Teppichverkäufer, der mir erzählte, dass er jemanden aus Muttenz kennen würde. Das liess mich aufhorchen, da auch ich dort Bekannte habe. Und tatsächlich bin ich hier in der Ferne auf jemanden gestossen, der mit mir gemeinsame Freunde hat.

Wie auch immer… es gäbe noch viele kleine Geschichten zu erzählen, aber ich habe meine Zeit am Netz jetzt schon überzogen…

Wünsche Euch allen also alles Gute und man sieht sich…

Gruss,

Oliver

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