Sanya: Backpacking leicht gemacht

Am Strand von Sanya

So hatte ich mir das tropische Paradies nach drei Monaten in der Schweiz nicht vorgestellt: Es regnet in Strömen. Chris kommt persönlich mit dem Regenschirm zum Taxi, um mich in Empfang zu nehmen. „Service ist alles“, lächelt er. Chris, der Besitzer des Hotels Sanya Backpacker ist knapp 40 Jahre alt und stammt aus Singapur. Einen Nachnamen hat er nicht – zumindest scheint es so, denn jeder seiner rund 20 Gäste nennt ihn beim Vornamen. Auch Chris kennt alle – eine Art der Gastfreundschaft, wie man sie in China selten erlebt.

Der etwas schönere Strand an der Yalong-Bucht

Ich hatte mich entschlossen auf meinem Weg von Basel nach Peking einen kurzen Zwischenstop auf der südchinesischen Tropeninsel Hainan einzulegen. Die Insel diente früher einmal als ein Verbannungsort für in Ungnade gefallene Beanten. Dass die Vorstellung von Palmen und Sandstränden den alten Chinesen einst Angst und Schrecken einlösen konnte, kann man man sich heute schwer vorstellen.

Das nicht ohne Grund, denn immer mehr mittelständische Festlandchinesen entdecken Hainan als ein Fluchtort vor der winterlichen Kälte (im Norden, weil es wirklich kalt ist und im Süden, weil die Wohnungen über keine Heizungen verfügen. Derzeit sieht Hainan pro Jahr etwa fünf Millionen (hauptsächlich inländische)Touristen. Doch wenn man dem aktuellen Fünf-Jahres-Plan Glauben schenken will, soll sich die Zahl bis in wenigen Jahren verachtfachen. Ade, leere Strände, oder doch nicht?

Europäische Badegäste dürfen sich vom aufkommenden Massentourismus indes nicht allzusehr abschrecken lassen. Bei den chinesischen Besuchern steht nämlich weder Schwimmen noch Sonnenbaden besonders hoch im Kurs. Wer sich eine Reise nach Hainan leisten kann, will nicht braungebrannt wie ein Wanderarbeiter heimkehren, erklärte mir eine Reiseführerin, mit der ich vor Ort ins Gespräch kam. Auch sie hat einen Sonnenschirm in der Hand. Keiner will „bäuerlich“ braun aussehen.

Urlauber fotografieren sich am "Ende der Welt" gegenseitig

Rund um Sanya gibt es zahlreichen Sehenswürdigkeiten. Zum Beispiel eine übermässig grosse Buddhastatue von Nanhai direkt am Meer. Sie ist grösser als die Freiheitsstatue – aber letztlich nicht sehenswert. Auch bei Einheimischen hat die Statue keinen besonders guten Ruf. Zu kommerziell. Man witzelt sogar, dass beim Bau ein Restaurant in den Kopf des Buddhas hätte einbaut werden sollen.

Etwas sehenswerter ist der Tourismuspark Tianya Haijiao. Der sandige Strandabschnitt mit den bizarr geformten Felsen markierte einst das südliche Ende Chinas – und damit nach chinesischer Auffassung zugleich das Ende der Welt. Heute ist es auf dem touristischen Parcour durch Hainan eine wichtige Station. Besonders sehenswert sind dabei allerdings weniger die seltsamen Felsen im Wasser, sondern die zahlreichen Chinesen, die sich davor in Haiwaii-Hemden à la Chinois ablichten lassen.

Die meiste Zeit verbringe ich jedoch am Strand mit Baden. Besonders schön ist der Strand in der Yalong-Bucht. Sie liegt etwa 30 Minuten mit dem Bus vom Zentrum entfernt und hier haben auch die meisten internationalen Hotelketten ihr „Zelt“ aufgeschlagen. Für einen nicht zu geringen Preis von 100 Yuan (10 Euro) kann man hier auch als Nicht-Hotelgast eine Liege mieten.

Am Ende der Welt: Die wohl berühmteste Palme Chinas

Am Abend plaudere ich jeweils mit Chris. Er erzählt mir seinen Traum:“Die Gegend rund um Sanya eignet sich hervorragend zum Tauchen. Leider werden die Korallen zu wenig geschützt.“ Grund dafür sei, dass die wichtigen chinesischen Anbieter zu große Tauchgruppen durch das Gebiet schleusen. „Da fällt es den Leitern kaum auf, wenn sich jemand den Korallen zu stark nähert.“ Das will Chris mit einer eigenen Tauchschule besser machen. Doch bis es soweit ist, dürfte es noch eine Weile gehen, denn derzeit ist er noch mit dem Aufbau des Sanya Backpackers mehr als beschäftigt.

Eigentlich hätte ein Grundstück direkt am Stand ganz weit oben auf Chris Wunschliste gestanden. Doch so etwas gibt es nicht mehr. Fast die ganze Küste gehört bereits Entwicklern oder noch dem Militär. So musste Chris schließlich mit einem kleinen Haus vorlieb nehmen, das sich etwa 300 Meter vom Strand befindet. Vor rund einem halben Jahr ist er hier eingezogen. „Gewinn wirft das Ganze noch nicht ab, aber das kommt schon noch“, ist der überzeugt.

Der 108 Meter hohe Riesenbuddha von Nanshan

Denn Hainans Entwicklung beim Tourismus zeigt ständig nach oben. Nicht nur immer mehr Chinesen bereisen die südliche Tropenprovinz mit dem azurblauen Meer und den langen weißen Sandstränden, sondern die Insel wird auch im Ausland immer bekannter.

Dies zeigt sich etwa bei Lonely Planet, dem für Englischsprachige wichtigsten Individualreiseführer: Noch vor ein paar Jahren war Hainan lediglich ein Anhängsel von Guangdong. Heute wird es als eigenes Highlight hervorgehoben. Auch die Regierung versucht Hainan als Tourismusdestination zu fördern: So können seit einiger Zeit Reisegruppen aus zahlreichen europäischen Ländern (darunter auch Deutschland) die Insel visumfrei besuchen.

Chris ist nicht der einzige Ausländer, der sich auf Hainan ein eigenes Kleinhotel aufgebaut hat, wie ich etwas später auf dem Weg Richtung Guangzhou (wo mein Weiterflug wartet) erfahre. Etwas weiter nördlich in Boao hat dies auch Elizabeth getan, eine resolute Amerikanerin, die mit einem chinesischen Foto-Journalisten verheiratet ist. „Mein Mann war in Qionghai stationiert. Doch da gab es für mich nichts zu tun“, erzählt sie beim Frühstück. „Also mieten wir in Boao dieses Haus und richteten ein Bed and Breakfast mit vier Zimmern ein.“ Das Boao Inn B&B befindet sich nur wenige Meter von einem großen Resort entfernt. „Als wir unser Business begannen, war das große Hotel bereits im Bau. Der Manager kam zu uns und meinte: Geht besser wo anders hin. Sobald wir aufmachen, habt ihr sowieso keine Gäste mehr. Scheinbar verstehen sie das Konzept eines B&Bs nicht.“ Elizabeth ist überzeugt: „Die Ausländer, die nach Hainan kommen, sind nicht nur an den Stränden interessiert. Viele von ihnen wohnen bereits in China und wollen einfach ein paar Tage etwas anderes erleben. Für sie ist ein B&B einfach spannender. Sie lieben solche kleinen Hotels auf Hainan. Hier können sie einfach mehr über das lokale Leben erfahren.“

 

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