Runzlige Geisterstädte und korrupte Schluchten

Liebe Alle,

Auf dem Jangtse in Richtung Sonnenuntergang..

Auf dem Jangtse in Richtung Sonnenuntergang..

ich habe im letzten Mail angetönt, dass ich auf dem Weg zur größten Baustelle Chinas sei. Diese habe ich nun hinter mir gebracht und bin nun bereits in Chengdu, der Hauptstadt des Landes der lächelnden Pandas.

Mit der größten Baustelle ist, wie wohl einige bereits ahnten, der umstrittene Drei-Schluchten-Damm gemeint. Dieser Damm, der in ein paar Jahren fertig sein soll, wird den Yang-Tse um 175m stauen und den weltweit größten Stausee bilden. Dass dabei einiges überschwemmt wird, ist klar. Man spricht davon, dass beinahe zwei Millionen Chinesen in den Gebieten wohnen, die bereits geflutet worden sind oder noch werden.

Shopping nach Art der Seeleute

Entsprechend war der Focus meines Sightseeings wohl auch ein bisschen anders ausgerichtet. In Yichang, einer gesichtslosen Großstadt knapp unterhalb der Baustelle, habe ich eines der Touristenboote nach Chongqing genommen. Alle anderen Touristen auf dem Seelenverkauefer, der übrigens mehr einer Baustelle glich als der Damm selber, waren Chinesen. Sie sind wohl gekommen, um sich von der viel besungenen Landschaft noch das anzusehen, was noch übrig geblieben ist. Dass so viele mit Chinesen voll gestopfte Schiffe den Fluss rauftuckerten, hat mich dann doch ein bisschen erstaunt: denn ich kannte den aktuellen Wasserstand noch nicht, als ich das Ticket kaufte. Die Einheimischen im weitesten Sinne hätten das aber eigentlich wissen sollen. Die Überraschung war also groß, als wir die halbe Nacht in einer riesigen Schleusenanlage verbrachten und noch viel größer als wir am nächsten Morgen am Ufer ablesen konnten, dass nur noch etwa 20 Meter fehlen. Am ganzen Fluss waren! nämlich große Tafeln angebracht, die zeigen sollen, wie hoch das Wasser noch steigt. Entsprechend entpuppten sich die engen Schluchten auf den Fotos als breite Seen, die zwar durchaus auch reizvoll waren, aber sicherlich nicht als eine der Haupttouristenattraktion Chinas gelten kann.

 

Mio vor einem Nebenfluss des Jangtese

Entlang am Ufer waren dann auch immer mal wieder Häuser, die noch halb aus den brauen Fluten rausragten. Ganze Städte, die abgerissen und ein paar Meter weiter oben wieder aufgebaut werden. Am eindrücklichsten fand ich eine Stadtnamens Fengdu. Sie birgt eine Touristenattraktion, die sich Ghosttown nennt. Damit ist eine etwas komische Mischung aus einer alten Stadt und einem modernen Unterhaltungspark gemeint, was all ganzes eigentlich mehr an eine Geisterbahn erinnerte als an etwas ernst zu nehmenden. Doch neben der offiziellen Ghosttown gab es noch zwei weitere: Old Fengdu, dessen fensterlose (sie sind wohl herausgerissen worden, um das Glas wieder zu verwenden) Plattenbauten darauf werden, bald vollständig abgerissen zu werden. Zwischen den Trümmern spielten Kinder während ihre Eltern versuchten, den vorbeilaufenden Touristen Getränke oder Früchte zu verkaufen. Gegenüber, auf der anderen Flussseite, befindet sich New Fengdu. Es ist eine der vielen Seelenl! osen Großstädte in China. Moderne Gebäude, ohne jeden Sinn für Ästhetik und vielleicht noch hässlich, als die Steinhaufen auf der Seite der alten Stadt. Über den Fluss gesehen, kann man keine Menschen in den Strassen sehen – vermutlich sind die Leute noch nicht in die neuen Gebäude eingezogen, die alle fein säuberlich einen 20m Abstand zum Wasserpegel haben.

Halb ¨überschwemmtes Gebäude

Wie bereits erwähnt, ist das Projekt sehr umstritten. Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen die hohen sozialen Kosten, die mit der Umsiedlung so vieler Menschen verbunden sind. (In einer ZDF-Sendung habe ich einmal gesehen, dass die Bauern nicht umziehen wollten, weil das Land, das sie zur Entschädigung bekommen sollten, nichts wert sei.) Umweltschützer warnen davon, dass der Stausee zur groessten Open-Air-Toilette werden könnte. Wieder andere warnen vor der Katastrophe, die passieren würde, falls der Damm bei einem Erdbeben, bei einem terroristischen Anschlag oder einfach wegen Baufehler (Korruption scheint ein großes Problem zu sein. Ich glaube mich erinnern zu können, gelesen zu haben, dass an die 1000 Personen schön wegen Korruption bei diesem Projekt verhaftet worden seien) bersten würde. Immerhin sei, laut der Infobox im Lonely Planet, ein derartiger Unfall bereits vor rund 30 Jahren geschehen, der viele Todesopfer gefordert habe und bis heute von der Reg! ierung verheimlichst werde. Tatsächlich sind die offiziellen chinesischen Statements zur Sache ein bisschen eigenartig. In einem Tempel (zu deutsch etwa der Weiße Kaisertempel), der zu einem Teil überschwemmt wird, ist in allem Ernst eine Tafel angebracht, welche die Vorzüge anpreist, die es hat, wenn der Tempel verschoben wird: der Berg werde zu einer Insel, was sowieso schöner sei; die alte Stadtmauer könne so restauriert werden (und, was aber nicht erwähnt wird, an einem historisch komplett falschen Ort errichtet werden); zudem können nun die Besucher durch einen Unterwassertunnel zum Tempel gelangen und müssen nicht mehr 200m auf den Berg klettern… Naja, das moderne China hat halt überhaupt kein Gespür für Authenzitaet – aber das habe ich ja schon vor zwei Jahren beklagt…

Ansonsten habe ich allerdings eine gute Zeit hier. Ich habe mich mit billigen Raub-DVD eingedeckt – die sind hier billiger als eine leere CD zu Hause. Nun wohnen wir in einem Guesthouse in Chengdu, das sogar einen Fernseher mit DVD-Player hat. Hier schauen wir den ganzen Tag Filme und erholen uns ein bisschen bevor es Richtung Tibet weitergehen soll…

Übrigens hatte ich vorhin eines meiner schockierendsten Erlebnisse auf dieser Reise: ein alter Chinese (er war qi-shi-ba, also 78 Jahre alt) hat Mio gefragt, wie alt ich sei. Sie meinte, er solle schätzen. Woraufhin der gute Runzelmann doch tatsächlich meinte: liu-shi, also 60 Jahre…

In dem Sinne,

Liebe Grüsse vom alten Knacker…

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