Ruinierte Militäreskorten und kurdische Sonnenuntergänge

Liebe Leute,

die Reise scheint immer interessanter zu werden. Schon in Yusufeli, von wo ich das letzte Mal geschrieben habe, hatte die Reise eine ausgesprochen politische Komponente erfahren. Als wir nämlich nach Kars autostoppen wollten, hielt die Jandarma an. Auch wenn der Name schwer nach Polizei klingt, handelte es sich dabei um das im Osten omnipräsente Militär. In einem Lieferwagen, mit einem Fahrer und drei bewaffneten Soldaten, die ihre Maschinengewehre nur aus der Hand liessen, wenn sie uns irgendwelche türkischen Leckereien anboten, fuhren wir zur alten georgischen Ishan Kirche hoch. Dass wir uns die Kirche eigentlich schon am Vortag angesehen hatten, und die (angeblichen) fünf Kilometer zu Fuss auf dem Berg marschiert waren, liess sich angesichts dieser Freundlichkeit kaum erwähnen. Trotzdem war es ganz gut, dass wir die Kirche (oder besser die Überreste derselben – besonders erstaunlich hierbei ist, dass die Wände ziemlich eingefallen waren, aber die Decke mit ihren rund tausendjährigen Fresken noch intakt war) schon vorher genauer angeschaut haben, denn in militärischen Manier hatten wir nur fünf Minuten Zeit, bis der Wagen diese wilde Bergstrasse wieder runterfuhr. Angesichts der Verkehrsdichte (ca. 1 Auto pro zwei Stunden) kann man sich dort oben keine Mitfahrgelegenheit entgehen lassen.

Kathedrale von Ani

Schliesslich wechselten wir in einen normalen PKW, der uns bis fast nach Kars brachte und dessen Fahrer sich spontan als Geschäftsmann outete, indem er uns am Ende einen nicht zu geringen Fahrpreis verlangte. Müde von der Hitze und der kurvigen Strasse, liessen wir uns auf keine langen Diskussionen ein und bereicherten den armen Talbotfahrer.

Die erwähnte politische Komponente zeigte sich in Kars noch viel stärker als zuvor. Als wir nämlich nach Ani fuhren, (das ist eine Stadt, die eine ähnliche Grösse und Wichtigkeit wie Istanbul gehabt bevor sie vor rund tausend Jahren von den Mongolen “geleert” worden ist und die seitdem niemand mehr angefasst hat) zeigte sich das türkische Militär wieder von seiner besten Seite. Diesmal in Form von Strassensperren und Passkontrollen. Wissen muss man, dass Ani so nahe an der armenischen Grenze liegt, dass man vom Minarett mit der zerfallenen Treppe in das andere Land spucken könnte, käme man nur dort rauf. Entsprechend der schlechten Beziehungen zwischen der Türkei und Armenien ist der ganze Grenzgürtel ein erstklassisches Militärsperrgebiet, so dass auf der ganzen Geisterstadt Soldaten rumspuken. Eigentlich sollten sie aufpassen, dass man nicht fotografiert oder durch den Fluss ins andere Land schwimmt. Da diese netten Soldaten aber in dieser Einöde nichts Spannenderes als die wenigen Touristenbesuche haben, ist die Gefahr geringer, dass man beim fotografieren erwischt wird, als dass man einen ausgesprochen gesprächigen Soldaten nicht mehr los wird.

Anti-armenische Proganda im Museum von Van

Nach Ani und Kars sind wir nach Dogubayazit gefahren. Dem Grenzort zum Iran. Auch hier an allen Ecken Passkontrollen, diesmal weil die Leute hier sich weniger als Bergtürken (so die offizielle Bezeichnung) denn als Kurden fühlen. Die PKK und die Kurden sind hier stark, so dass es eine starke Gegenmacht braucht, um sie wirksam unterdrücken zu können – was man sehr leicht sehen kann. Die PKK hat in ihrem „Freiheitskampf mit Terror“ dem zweiten Teil offiziell abgeschworen, so dass sich einigermassen sicher reisen lässt. Auch sind wir einmal mit einem Juristen essen gewesen, der sich als ein Parlamentarier der kurdischen Arbeiterorganisation bezeichnete – erstaunt war ich, dass diese Organisation im Parlament vertreten sein soll. Vielleicht habe ich auch etwas missverstanden…

Und wieder ging es weiter nach Van. Vor knapp hundert Jahren soll in dieser Gegend einer der grössten Genozide des Jahrhunderts stattgefunden haben. Laut armenischen Quellen, sollen rund 3 Millionen Armenier von den Türken niedergemetzelt worden sein. Hier in Van gibt es neben der modernen Stadt auch eine alte, die ein Schauplatz dieser Tragödie gewesen sein soll. Mit russischen Unterstützung sollte hier 1915 eine armenische Republik ausgerufen werden, welche dann militärisch niedergemacht wurde. Dabei wurde die Stadt je nach Sichtweise entweder von den Türken oder den Armeniern zerstört.

Sonnenuntergang am Vansee (Kalesi)

Heute sieht man nur noch ein grosses Ruinenfeld (von welchem man ironischerweise die wundervollsten und romantischsten Sonnenuntergänge in der Gegend sehen kann – entsprechend wird der Hügel auch von jugendlichen Pärchen besucht). Dafür kann man in Van etwas anderes sehen: nämlich den Beweis, dass in Wirklichkeit die Armenier die Türken niedergemacht hätten und nicht umgekehrt: im örtlichen Museum sind nämlich rund zehn Skelette und russische Patronenhüllen ausgestellt, die beweisen sollen, dass die Armenier einen Genozid begangen haben sollten. Wie viel an der ganzen Sache wahr und was Propaganda ist, lässt sich schwer beurteilen. Doch scheint mir die armenische Seite plausibler, zumal ähnliche Probleme bei der Gründung der modernen Türkei mit anderen Volkern (Kurden und Griechen) zu verzeichnen sind. Wie auch immer: da die Türkei sich mit dem Gedanken schwer tut, auch nur einen Armenier auf dem Gewissen zu haben; und da Armenien nicht nur ein Geständnis, sondern auch eine Entschuldigung fordert, sind die heutigen Beziehungen noch immer auf dem Nullpunkt. Fragt man jedoch Leute hier, wieso Armenien und die Türkei keine diplomatischen Beziehungen pflegten, heisst es, dass das das Problem des russischen Ölimperialismus sei, der es Armenien nicht erlauben würde, mit der Türkei in Kontakt zu treten…

Wohin wir uns von hier wenden ist noch nicht ganz klar. Ein aktueller Favorit ist momentan der Iran, doch hängt das von der Visumsituation ab. In der iranischen Botschaft werden die Visaanträge ausgesprochen willkürlich behandelt und mancher Traveller hat schon den Verdacht geäussert, dass einfach gewürfelt werde. Doch davon kann ich Euch das nächste Mal erzählen.

In dem Sinne,

Oliver

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