Poso: Vergangenheitsbewältigung übers Radio

Zufällig lernte ich in Poso Rafiq kennen. Früher hatte er Bomben gebaut, heute leitet er einen eignen Radiosender. Das war so spannend, dass ich ihn gleich fürs Weltreisemagazin interviewen musste.

Die meisten Touristen wechseln auf dem Weg zwischen den Togean Inseln und Tana Toraja in Poso lediglich den Bus  oder stocken an den zahlreichen Bankomaten die Reisekasse auf. Da ich zu einer lokalen Familie nach Hause eingeladen worden war, entschloss ich mich, der Krisen gebeutelten Stadt eine Chance zu geben.

Es ist erstaunlich, welche Zufälle es jeweils sind, die einer Reise eine neue Wendung geben. Als ich am vorletzten Abend auf den Togian Inseln nichts zu tun hatte, war ich ins benachbarte Resort spaziert und hatte mich dort spontan bei einer Gruppe eingeladen, welche Texas Holdem Poker spielte. Dabei lernte ich Lisanne kennen, eine junge Akademikerin aus Holland, die in Sulawesi Forschungen durchführte, und Winda, ihre noch jüngere indonesische Übersetzerin. Weil ich mit den beiden ein paar spannende Gespräche führte, lud Winda spontan mich und eine weitere Touristin ein, ihre Familie in Poso zu besuchen.

Da war ich nun: In einer Stadt, die keinen besonders guten Ruf genießt und die Touristen im besten Fall zum Umsteigen nutzen. Es gebe nichts zu sehen, das hatte auch Winda entschuldigend vorausgeschickt.  „Nicht einmal ein Kino haben wir dort, kein Shopping Mall.“ Und gerade erst vor zwei Wochen sei vor der Polizeistation eine Bombe hochgegangen.

Die Region in Zentralsulawesi war zwischen 1998 und 2006 das Zentrum eines blutigen Konflikts zwischen den Christen und den Muslimen, welche die Stadt und die Umgebung bewohnen. In den acht Jahren kamen mindestens 1000 Menschen ums Leben. Und doch war es diese Stadt, wo ich besonders spannende Erlebnisse hatte.

Winda (21) ist eine lokale Englischlehrerin in Poso. Bei ihrer Familie durften wir einen Tag lang wohnen.

Für mich gehört es immer zu den besonders spannenden Erlebnissen, Leute zu Hause zu besuchen. Dies erlaubt einen sehr viel tieferen Einblick in die Lebenswelten der Menschen, als wenn man sich bloss auf neutralem Gelände trifft. So auch hier. Ich hatte keine Ahnung, wie die Menschen hier leben. Winda wohnt bei ihren Eltern, nicht weit vom Stadtzentrum. Das Haus ist recht groß. Aber alles ist ein bisschen altmodisch. Es gibt beispielsweise keine Dusche. Das Wasser wird in einem Außenraum in einem großen Trog gesammelt. Beim Duschen giesst man es dann mit einem kleinen Handschöpfer über seinen Körper. Ich brauche kaum zu erwähnen, dass das Wasser nicht besonders warm ist.

Am nächsten Morgen spazieren wir rüber zum Studio des lokalen Radiosenders Matahari. Hier wird Lisanne interviewt. Die Holländerin schreibt ihre Masterarbeit über den Konflikt und hatte zwei Monate lang bei Windas Familie gelebt (und kalt geduscht). Nun will Rafiq, der Chef und Gründer des Senders, von ihr wissen, was sie von Poso hält. Winda, ihrerseits Englischlehrerin und früher ebenfalls Radiomoderatorin, hilft beim Übersetzen der Fragen. Man müsste die Schönheit der Region besser verkaufen, findet Lisanne. So gebe es in der Umgebung einen grandiosen Wasserfall. Doch den kenne keiner. Auch müsste man Besuchern klar machen, dass Poso mittlerweile weitestgehend sicher ist.

Ich spreche einen Jingle auf Indonesisch sein: „Hallo, ich bin Oliver aus der Schweiz. Ihr hört Radio Matahari“

Für mich war jedoch die Geschichte von Rafiq, dem Moderator und Besitzer des Senders, besonders interessant. Ich bat ihn deswegen kurzerhand um ein Interview, das sich hier nachlesen lässt. In Kurz: Der 40-Jährige hatte früher Bomben gebaut, war dann aber erwischt und verhaftet worden.  Während seiner sechsmonatigen Haft hat er seinem bisherigen Leben und der Gewalt abgeschworen. Sobald er wieder frei war, gründete er ein Café, eine Billardhalle und einen Radiosender. Die Leute sollen sich begegnen und sich kennenlernen, findet er.

Radiostudios haben mich schon immer fasziniert. Das Studio von Radio Matahari ist wohl aus Geldmangel besonders simpel eingerichtet. Aber die Journalisten sind motiviert. Es macht Spass, sich mit ihnen zu unterhalten. Mit dabei ist auch der Korrespondent eines Fernsehsenders aus Jakarta, der Radio Matahari ebenfalls portraitiert.

Besonders viel Spass macht es mir, anschliessend selber ans Mikrofon zu gehen und ein paar Jingles aufzunehmen. „Hallo, ich bin Oliver aus der Schweiz“, lese ich auf Indonesisch von einem Blatt ab. „Ihr hört Radio Matahari auf 96,2 FM.“ Danach soll ich etwas in der eigenen Sprache sagen. Mir fällt spontan nichts Kluges ein und sage dann einfach: „Es ist super, dass ihr alle da seid. Kommt mich doch einmal in der Schweiz besuchen!“ Zum Glück versteht das keiner. Die Visaabteilung der Schweizerischen Botschaft in Jakarta würde mich sonst für den Satz hassen.

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