Donnerstag , September 5 2019
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Pokhara: Trekking für Anfänger

Der See Begnastal kurz vor dem Unwetter

Das erste Bild von Pokhara war kein gutes – und das sollte sich auch nicht ändern. Kaum stieg ich aus dem Bus aus, begann es zu schütten. Bis ich ein Hotel gefunden hatte, war ich bereits total durchtränkt. Um die Kleider zu trocken, versuchte ich, den Ventilator einzuschalten, doch auch hier: Stromausfall. Pokhara gilt als zweiwichtigste Touristendestination von Nepal, doch an der Stadt selbst liegt das nicht. Sie ist eine hässliche Aneinanderreihung von schäbigen Hotels, überteuerten Läden und Secondhand-Buchläden. Zwar wäre die Stadt an einer hervorragenden Lage an einem See gelegen, doch auch hier wurde die Chance vertan, eine attraktive Seepromenade zu bauen.

Kein Wunder also, dass ich mich entschloss, nicht lange zu bleiben und gleich mit dem anzufangen, was hier alle tun: Trekken. Eigentlich wollte ich zuerst drei Tage dem Annapurna-Trek folgen, doch schien mir für eine so kurze Zeit das Permit zu teuer. Also entschloss ich mich für den „Royal Trek“. „Dieser Trek hat seinen Namen daher, weil vor ein paar Jahren einmal Prinz Charles diese Route gegangen ist“, erklärt mir ein Reisebüro-Angestellter. „Also wie viele Träger brauchen Sie?“ Ich nehme ihm die Story nicht ab und erkläre ihm, dass ich meine zwei T-Shirts auch selber tragen kann. Lan ist damit einverstanden. Also gehen wir in einen der Buchläden und kaufen die Karte „Royal Trek“. Eigentlich wollte ich eine Secondhand-Karte, aber im Laden gab es nur neue, die allerdings ziemlich gebraucht aussahen. „Sorry, das ist unsere Politik, wir kaufen nur Bücher aus erster Hand. Aber wenn die Karte noch ganz gut ist, dann können wir sie zurückkaufen.“

Der Besitzer der kleinen Fischfarm

Wir fahren noch am gleichen Tag los zum Begnastal, einem kleinen See, etwa 30 Kilometer östlich von Pokhara gelegen. Die Route führt entlang einer Strasse. Die Aussicht ist mässig, weil die Strasse dem Tal folgt. Etwas später stellen wir fest, dass es parallel zur Strasse auf dem Kamm des Hügels noch einen Fussweg gibt, der vorbei an kleinen Hotels und Restaurants führt und eine schöne Aussicht bietet. In der Karte ist er nicht eingezeichnet.

Mittlerweile beginnt ein Unwetter aufzuziehen. Gerade rechtzeitig schaffen wir es, in einer kleinen Fischfarm am Ende des Sees unterzukommen. Hier gibt es drei grottige Gästezimmer. Doch das ist noch immer besser, als draussen zu bleiben, wo es inzwischen hagelt. Die Fischfarm gehört einem jungen Nepali und seiner Familie. Sie ist allerdings nur ein Bestandteil seines Geschäfts. Wichtig ist das kleine Restaurant direkt am Seeufer. Viele Wandergruppen essen bei ihm, bevor sie sich mit dem Ruderboot auf die andere Seite des Sees übersetzen lassen. Das klingt gut, also bestellen auch wir ein Fisch-Curry, das dann etwas mehr als eine Stunde später in unser Zimmer gebracht wird, zusammen mit einer Kerze. Ich frage den Mann, wieso es in Nepal so viele Stromausfälle gibt. „Das hängt mit dem Wetter zusammen“, erklärt er. „Weil wir vorwiegend Strom durch Wasserkraft erzeugen, haben wir während der Trockenzeit häufig zu wenig Strom und daher wird er rationalisiert.“ Letztes Jahr, als es einen extrem trockenen Winter gegeben habe, sei es noch schlimmer gewesen. Da habe es oft pro Tag nur vier Stunden Strom gegeben.

Das Mädchen in einem Dorf zeigte uns den richtigen Weg.

Ein paar Tage später treffe ich allerdings einen Entwicklungshelfer, der mir eine andere Version erzählt: „Die Regierung verkauft den Strom nach Indien, um an Devisen zu kommen. Für das eigene Land bleibt nur noch wenig übrig.“ Dies werde allerdings nicht an die grosse Glocke gehängt. Das Problem sei, dass diese Politik zwar kurzfristig Devisen bringe, das Land langfristig aber nur noch weiter zurückwerfe. „Gerade gestern hat sich ein Industrieller umgebracht. Seine Maschinen standen zu oft und zu lange still, so dass er sich hoch verschulden musste.“ Ein weiteres Problem seien die hohen Steuern: Will jemand einen Stromgenerator kaufen, müsse er nochmals die gleiche Summe wie der Kaufpreis an Steuern abgeben. Kein Wunder also, dass nur wenige Hotels sich einen eigenen Generator leisten wollen. „In der Gesellschaft brodelt es bereits“, meint er. „Kein Wunder, dass die Maoisten so einen starken Zulauf haben.“

Doch zurück zur Wanderung. Der Regen und der Hagel haben die Luft inzwischen reingewaschen. Hinter den Hügeln können wir endlich die beeindruckenden Schneeberge sehen. Wir machen uns früh auf den Weg, um auch wirklich den ganzen Trek zu schaffen. Nach einer Stunde kommen wir an eine Kreuzung, die auf der Karte nicht eingezeichnet ist. Ich frage einen Einheimischen. „Diese Strasse gibt es schon seit ein paar Jahren“, antwortet er. Die Karte muss ziemlich alt sei. Wohlweislich hat das nepalesische Kartenmacher kein Datum auf seiner Karte aufgedruckt. Allerdings finde ich unter dem Preisschild „500“ ein älteres. Als die Karte gedruckt wurde, kostete sie offenbar noch einiges weniger.

Nepalesische Kinder in einem Dorf in der Nähe von Pokhara

Wir sind etwas müde und wollen endlich den Fussweg erreichen. Also halten wir einen der zahlreichen Lastwagen an, die Erde auf den Berg transportieren. Es ist ein alter Tata-Truck und der Fahrer nimmt uns umsonst mit. Vielleicht war er auch zu schüchtern, Fahrgeld zu verlangen.  Die Erde wird benötigt, um Strassen aufzuschütten. Die Regierung bemühe sich stark, auch  abgeschiedene Regionen mit Strassen zu verbinden, heisst es dazu in meinem Reiseführer. Doch führe die Topographie zusammen mit dem Monsun dazu, dass sie meistens nur ein paar Monate lang bestehen.

So kommt es dann auch, dass der Fussweg auf der Karte plötzlich eine Strasse ist und wir nach mehreren Stunden in einem ganz anderen Dorf landen. Also heisst es zurückwandern. Es ist bereits dunkel, als wir wieder bei der Baustelle ankommen. Hier hatte die Karte ein Hotel eingezeichnet. Tatsächlich fanden wir aber nur zwei alte Lehmhäuser. Wir fagen, ob dies wirklich der richtiige Ort ist. Ein Bauer vor Ort bestätigt das. Der Mann heisst Dan und ist 38 Jahre alt. Das Hotel gebe es allerdings schon seit Jahren nicht mehr. „Seit hier vor ein paar Jahren die Strasse durchführt, ist der Tourismus zusammengebrochen“, erklärte er. Früher habe er einen kleinen Kiosk gehabt, doch nun fahren die meisten Touristen einfach im Bus an ihm vorbei. Ich frage ihn, ob die neue Strasse nicht auch Vorteile bringen würde, wenn er seine Waren in die nächste Stadt transportieren wolle. „Unsere Familie besteht aus 14 Leuten und unser Land ist so klein, da bleibt nichts übrig, was wir verkaufen können“, erklärt Dan. Das einzige gute an der Strasse sei, dass sie nun in einem Notfall schneller in ein Krankenhaus fahren könnten.

Das Haus von Dan - und unser "Hotel".

Doch ganz so recht hat Dan trotzdem nicht. Denn in dem kleinen Holzanbau, in dem vier einfach zusammengenagelte Betten stehen, wohnt Richi Gaudaum. Er ist um die 40 Jahre alt, kommt aus einer anderen Provinz und spricht kaum Englisch. Beim gemeinsamen Abendessen überreicht er uns stolz seine Visitenkarte, auf der es heisst: Walzenfahrer. Dan erklärt, dass Richi beim Strassenbau beschäftigt sei. Allerdings scheint Richi privilegiert zu sein: Von seinem Team kann nur er im Anhang des Gästehauses mit uns übernachten. Die anderen Arbeiter, die nur Schaufeln und Hacken bedienen, wohnen draussen vor dem Haus in einem  Zelt, das aus alten Lastwagenblachen zu bestehen scheint. Jeden Tag frisst sich die neue Strasse etwa hundert Meter weiter in den Berg hinein, erzählt Richi. Bald wird er im nächsten Dorf übernachten und für Dan geht auch diese Einnehmequelle verloren. Die Baugeschwindigkeit klingt sehr hoch. Allerdings gab es bereits an der Stelle einen engen Weg, der notdürftig auch befahren werden konnte. Richi zu seine Kollegen schütten also vor allem den Hang auf, um die Strasse zu verbessern und zu verbreitern.

Nachdem wir fertig gegessen haben, fangen Dans Frau und seine Mutter mit dem Abendessen an. Dies ist eine Sitte in Nepal, dass die Frauen erst nach den Männern essen. Umso erstaunlicher, als Dan nach dem Essen plötzlich betont, dass seine Heirat eine „love marry, not cold marry“ gewesen sei.  Er habe sich seine Frau selber ausgesucht, aus einem Dorf, das etwa vier Stunden zu Fuss entfernt liegt. Die meisten seiner Freunde und Verwandten hätten die Frau heiraten müssen, welche die Eltern ausgesucht haben. Das Abendessen war offenbar nicht ganz das Wahre. Am nächsten Morgen rumorte es in meinem Magen so sehr, dass wir uns entschlossen, die Wanderung abzubrechen.

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