Olympiaden und Teehäuser, Peking, 23.7.01

Liebe Freunde,

ich bin nun schon seit bald einer Woche in Peking und halte mich allmählich in der Lage, einen ersten Eindruck vermitteln zu können und vielleicht dazu beizutragen, dass sich euer Chinabild einen ähnlichstarken Ruck bekommen kann wie meines.

Guomao: Modernes Stadtzentrum von Peking.

In der Mitte Pekings liegt die verbotene Stadt. Heute ist sie weniger verboten als andere Gebäude, die ganz in der Nähe stehen, und in meinem Reiseführer steht vortrefflich die deflationäre Tendenz der Eintrittskosten beschrieben, hätte doch das, was ich vor ein paar Tagen gemacht habe vor zwei hundert Jahren das Leben gekostet. Diese Verbotene Stadt ist unheimlich weitläufig und vor allem die kleinen Gässchen auf den Seiten haben es mir sehr angetan. Das sind diese, durch welchen der letzte Kaiser laut dem gleichnamigen Film vor seinen Dienern davon gelaufen ist.

Gerade davor liegt ein gigantischer Platz, der sehr weitläufig wäre, wenn das nicht das Mao-soleum rumstehen würde. Tatsächlich kann Mao, wenn er aus seinem Sarg rausschaut in die eine Richtung sein Bild an der verbotenen Stadt hängen sehen und in die andere Richtung zusehen, wie sich McDonalds und KFC darum bemühen, dass Chinesen auch bald amerikanische Figuren haben. Das ist insofern erwähnenswert, weil es hier viel mehr dicke Leute gibt, als ich es eigentlich erwartet hätte.

Spaziert man auf dem Platz (das muss man, denn Velofahren ist verboten – und ich verkneife mir hier jegliche Bemerkungen darüber welche andere Fahrzeuge bisweilen erlaubt sind.), den wir als den Platz des Himmlischen Friedens übersetzen, was aber eigentlich ein stark verkürzter Name ist, wird man von jungen Kunststudenten eingeladen, ihre Ausstellungen anzusehen. Man kommt dann in irgendwelche Kellerräume, wo sehr schöne chinesische Kaligraphie zum Kaufe angeboten wird. Und auch wenn man nichts kauft, bleiben diese Studenten sehr freundlich und laden einen vielleicht erst dann zu einem Glas Tee ein.

Die Verbotene Stadt

Überhaupt scheint es hier sehr verbreitet zu sein, eingeladen zu werden. Ich habe vor ein paar Tagen ein paar Englischstudenten kennengelernt, als ich nach dem Weg fragt. Sie sind aus Xi’an und bereiten sich hier auf ein Examen vor, das TOEFL heisst, und welches von sehr vielen Studenten angestrebt wird, weil es ermöglicht, im Ausland studieren zu gehen. Ich habe darunter schon viele kennengelernt, welche an meinen (geringen) Französischkenntnissen Freude haben, weil sie dann nämlich nach Frankreich studieren gehen möchten – ein Land das eine sehr romantische Ausstrahlung, wie mir eine Studentin gestern erklärte. Jedenfalls hat sie sich dann angeboten, mich zu begleiten, weil sie auch in die Richtung müsse. Was ich nicht für sehr wahrscheinlich hielt, da sie ja aus der Richtung kam, in welche ich wollte; aber sie liess sich nicht beirren. Wir sind dann ins Gespräch gekommen, haben ein paar andere Leute getroffen und sind schliesslich in der Fressecke eines Shoppingcenters gelandet, wo wir Karten spielten. Anschliessend nahmen sie mich in ihn Studentenwohnheim mit, welches sehr heruntergekommen wirkte, aber im ganzen eine sehr freundliche Ausstrahlung hatte. Ich musste eine Weile am Eingang warten, weil Ausländer dort eigentlich nicht hindürfen. Dann ein feines Essen und anschliessend die üblichen Lob, dass ich die Stäbchen geschickt zu benützen wisse… wir haben dann zusammen Gitarre gespielt, bis ich heimgehen wollte und sich niemand fand, der mich bis zur Hauptstrasse begleiten wollte. Es ging eine Weile, bis ich verstand, dass Studenten, welche nicht aus Peking sind, ab etwa zehn Uhr Ausgangssperre haben. Musste dann halt ein Taxi durch die engen und dunklen Gässchen nehmen, in welche sich das moderne China noch nicht eingenistet hat.

Ich besuche mit meiner Brieffreundin Zhang Bei (张倍) einen Tempel

Gestern habe ich dann den ganzen Tag mit meiner Brieffreundin Zhang Bei verbracht. Sie nahm mich in einen Taoistischen Tempel mit und erklärte mir wie alles funktionierte. Als ich mich nach ihrer Religion erkundigte, bezeichnete sie sich als Existentialistin. Das überraschte mich ein bisschen und regte mich zum Nachfragen an, und tatsächlich bezog sie sich auf den guten alten Sartre. Erstaunlicherweise mischte sie jedoch dessen Aussagen mit chinesischen Weisheiten, so dass ein höchst interessantes Gedankengebilde entstand, das ich aber mit Sarte nicht identifizieren konnte. Ich habe mir jedenfalls vorgenommen, ihn nochmals aus dieser Perspektive zu lesen.

Als nächstes wurde ich von ihr zu ihren Grosseltern eingeladen. Die haben eine grosse, schöne Mehrzimmerwohnung. Ich bekam dort so eine Art Ravioli und durfte sogar das eine oder andere Ding selber formen. Wir hatten es immer lustig, wenn wir ein besonders hässliches Exemplar als ein von mir geformtes erkennen konnten…

Nach einem Intermezzo des Ticketkaufens, welches ich hier lieber unterschlage, spazierten wir als drittes durch den Campus der Universität für Minoritäten. Die haben nämlich eine eigene Uni hier – weshalb das so ist, weiss ich nicht. Dort setzten wir uns in ein kleines Beizchen, welches von einem tibetischen Jungen geführt wurde. An allen Ecken lagen Bücher über den Dalai Lama rum, sowohl westliche wie auch chinesische. Meine Begleiterin fragte mich darauf hin, ob ich den Dalai Lama möge. Ich antwortetet zögernd, dass ihn viele Leute in der Schweiz mögen würden und dass ich ihn sogar einmal gesehen hätte, als er in Basel diese Ausstellung eröffnete. Sie meinte, dann dass sie als Chinesin ihn eigentlich nicht mögen sollte, aber dass sie wisse, dass sich die chinesische Geschichtsschreibung in diesem Punkt von der westlichen unterscheide und dass sie deshalb sehr verunsichert sei, was sie glauben solle. Die Wahrheit mag wohl dazwischen liegen.

Ansonsten ist halt die Olympiade das grosse Gesprächsthema und ich werde immer wieder gefragt, ob mich das auch so freuen würde; und bevor ich antworten kann, erzählt man mir, was letztes Wochenende für eine tolle Fete abgegangen ist…

Ich halte hier in meinem Schreibfluss einmal inne und melde mich ein andermal wieder, mal sehen, was es noch zu erzählen gibt.

Liebe Grüsse,
Oliver

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