Mingwohnungen und historische Polizeiflaggen

Hallo zusammen,

immer wieder ist es erstaunlich, wie sehr sich Reisen über längere Zeit in klar trennbare Abschnitte unterteilen lassen. Noch erstaunlicher ist, wie oft solche Abschnitte in etwa mit meinen Massenmails übereinstimmen. Gewiss ist dies nicht bloß Zufall, doch manchmal liegt einer solchen (vermutlich unbewussten) Einteilung vielleicht eine tiefere Ahnung zu Grunde

Letztes Bild, bevor wir getrennte Wege gingen...

Letztes Bild, bevor wir getrennte Wege gingen...

Nun bin ich in einem neuen Reiseabschnitt, der damit begann, dass ich mich am Morgen, nach dem ich das letzte Mail losschickte, von Mio trennen musste. Ihr Weg führte sie nach Laos und Thailand und meiner zurück nach Peking und schließlich Korea, wo ich mich nun befinde.

Vom Chengdu, wo wir uns verabschiedeten, reiste ich zuerst nach Xi’an und von dort ziemlich direkt nach Pingyao weiter. Das ist eine kleine Stadt in der Nähe von Peking, die ich allen Chinareisenden sehr empfehle. Bisher hatte ich nämlich immer geglaubt, dass es im Han-China keine schönen Städte mehr gebe, weil die Han-Chinesen in ihrer unheilbaren Modernisierungswut alle alte Kultur zerstören (jaja, ich weiß, hier kommt der Historiker in mir zum Vorschein!). Aber nein, Pingyao ist tatsächlich eine vollständig erhaltene Stadt aus der Mingzeit. Und innerhalb der Stadtmauern gibt es kein einziges modernes Haus. Entsprechend wird die Stadt auch von Horden chinesischer Touristen heimgesucht und dient überdies auch immer wieder als Filmkulisse für die vielen historischen TV-Serien, die ständig auf den unzähligen Fernsehsendern Chinas flimmern.

Karren vor einem historischen Tor in Pingyao

Übrigens: entsprechend den vielen Sendern, muss natürlich auch das Programm irgendwie gefüllt werden. So sieht man an allen Ecken immer wieder Fernsehteam. Eines von ihnen (Peking 7) hat mich sogar gefragt, ob es mich filmen dürfe, wie ich mit einem Handy durch die Innenstadt Pekings laufe. Tja, nun war ich also wohl sogar im chinesischen Fernsehen zu sehen; und da die Flimmerkisten immer und überall laufen, war ich nun wohl auch schon in Millionen Haushalten.

Von Pingyao zog es mich nach Peking, wo ich ausgiebig die hiesigen Wohnverhältnisse studieren durfte, da ich privat unterkam. Das ist in der Tat recht spannend. Traditionellerweise wohnten die Pekinger in den so genannten Hutongs. Das sind einstöckige Häuser in kleinen Gassen. Von den Gässchen kommt man in einen Innenhof, welchen sich mehrere Familien teilen. Eine solche Wohnart birgt natürlich eine handvoll Probleme. Zum einen sicherlich, dass die Häuser über keine Toiletten verfügen und die Leute in eines der öffentliches WCs gehen müssen (die man allerdings in diesen Gässchen alle paar Meter findet). Zum anderen ist auch die Wohnfläche sehr begrenzt. Aus diesen Gründen ist es eines der Ziele der Regierung, die Leute aus ihren Hutongs zu „befreien“ und in moderne Wohnungen umzusiedeln. Entsprechend wandelt sich das Stadtbild in Peking rasend schnell: aus kleinen Gassen werden breite Autostrassen und Boulevards, aus Häuschen mit Innenhof werden riesige Betonklötze. Was die Regierung als Erfolg preist, halten Denkmalschützer für ein großes Desaster. Wie auch immer man über solche Modernisierung denken mag, was jedoch Leute, die von solchen Wohnungen in moderne umgezogen sind, betonen ist, dass die ganze Siedlung fast wie eine große Familie sei. Denn man sei sich eben schon recht nahe in solchen Wohnungen.

Ich wohnte allerdings in einer modernen Wohnung aus der Deng Xiao Ping Zeit. Ich fand die architektonische Ähnlichkeit zur Sowjetarchitektur während der Chruschtschow-Zeit erstaunlich. Offenbar haben Politik und Architektur doch ihre Gemeinsamkeiten. Doch trotz aller Modernisierungen der 80er Jahre haben sich Elemente der Hutong Kultur (wenn ich das einmal salopp so nennen darf) in den neuen Wohnblöcken erhalten. Dafür, dass ich im fünfzehnten Stock (eines achtzehnstöckigen Gebäudes) wohnte, war ich doch sehr überrascht, wie gut die Nachbarn sich kannten und teilweise auch offensichtlich gute Beziehungen hegten. (Zum Beispiel kam auch einmal das Nachbarmädchen mit, als ich von meiner Gastfamilie zu einem chinesischen Fondue eingeladen worden war).

Xiaoxia mit ihrer Freundin "Honey"

Woran das liegt, wird ersichtlich, wenn man ein paar Tage in einem solchen Haus lebt. Dort besteht noch immer eine gewisse Nähe, da man sich an vielen Orten ständig begegnet: im Lift, wo man den aktuellen Klatsch mit der Frau von ersten Stock austauscht (sie ist das Liftgirl), oder beim Briefeholen (das Haus hat einen eigenen Portier, der alle Post in Empfang nimmt. Kommt was Dringendes wird der Namen auf eine schwarze Tafel beim Eingang geschrieben, sonst holt man die Post einfach einmal am Tag unten ab.), beim Einkaufen (unterhalb des Hauses gibt es einen Supermarkt, wo sich die Leute kennen. Auch mich kannte man dort schon ab dem zweiten Tag – und weil ich dort immer den gleichen leckeren Lemontea kaufte, brachten mir die Angestellten bald mein Wunschgetränk, ohne dass ich etwas sagen musste. Vermutlich reden sie sich noch immer den Mund wund über den komischen Ausländer, der immer Eistee und M&Ms kaufte) oder beim gemeinsamen Karten oder Mae-Jong ! spielen. (Karten und Mae-Jong trifft man in China an allen Ecken. Oft spielen vier Leute und etwa zwanzig stehen drum rum und schauen dem Spiel zu. So wissen vermutlich bald alle Nachbarn voneinander, wer ein guter Spieler ist und wer nicht.

Doch China und Peking ist natürlich nicht nur Spiel, Spaß und gute Nachbarschaft. Immer wieder trifft man auch jenes strenge Polizei-China, als das wir uns das Reich der Mitte zuhause gerne vorstellen. Nach einem Ausflug nach Chengde (der kleine Potala dort ist übrigens sehenswert), kam ich sehr früh am Morgen in Peking an. Um diese Zeit liegt es nahe, entweder sofort ins Bett zu gehen, oder auf den TianAnMen-Platz zu fahren und dort dem chinesischen Nationalismus zu frönen. Denn dort wird mit viel Pomp jeden Morgen bei Sonnenaufgang die chinesische Flagge gehisst.

Ausflug nach Chengde

Was mich dort erwartete: ein riesiges Polizeiaufgebot, um auf dem großen Platz Randale zu verhindern. Man könnte glauben, dass die Polizei fürchtet, dass es in der Volksseele brodelt. Doch, so erklärt mir meine chinesische Begleitung, seien die meisten Leute einfach auf der Suche nach einem feierlichen Augenblick, und wollen ihre Vaterlandsliebe ausdrücken. Allerdings, so betont meine Begleitung weiter, sei es hier bei dem riesigen Polizeiaufgebot wirklich schwierig, in eine feierliche Stimmung zu kommen. Überall werde man bloß rumkommandiert und schikaniert.

Tatsächlich erlebte auch ich das ganz ähnlich. Nicht, dass ich wirklich gekommen bin, um meine Liebe zu China auszudrücken. (Mir gefällt das Land im Allgemeinen zwar, aber…) Doch auf der Strasse stehend, wurde ich unsanft darauf hingewiesen, dass ich hinter dem Gitter sein müsse, obwohl es dafür keinen Grund gab. Alle zwanzig Meter ein Polizist, der für eine seltsame Ordnung sorgen musste. Dazwischen Militär und Zivilpolizisten, die man bloß an den Funkgeräten erkannte.

Wie ich mich der Polizei widersetzte, (ich fand, dass mir der Polizist schon auf Englisch mitteilen solle, wenn er wirklich will, dass ich ihm gehorche. Hat natürlich nicht geklappt, die Pfeife ist natürlich nicht wegen eines übermassigen sprachlichen Talentes zur Polizei gegangen.) verwandelte sich der große Platz in meinen Gedanken plötzlich in ein Blutbad. Aufs Mal konnte ich verstehen, wie sich ein Massaker wie das, welches hier vor Jahren stattgefunden hat, provoziert werden und niedergeschlagen werden konnte. Und mir wurde auch klar, dass das morgendliche Hissen der Fahne wohl der Ort ist, an dem man am leichtesten seine Zuneigung zu China verliert. Zum Glück bleiben noch viele andere Erinnerungen…

In dem Sinne,

liebe Grüsse aus Korea…

Oliver

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