Kühle Gräber und zuckersüsse Volvos

Liebe Freunde,

mittlerweile bin ich von meinem ereignisreichen Trip nach Hause gekommen und sitze an meinem Computer, um Euch Schoggi essend von meinen letzten Erlebnissen zu berichten.

In einem Park in Yazd mit meiner "Ehefrau" Mio

Das letzte Mal habe ich mich aus Esfahan gemeldet. Von dort sind wir weiter nach Yazd gefahren, einer iranischen Wüstenstadt mit einer recht ausgedehnten Altstadt voller engen Gässchen, verwinkelten Ecken und den omnipräsenten Kühltürmen. Da es in der Gegend sehr heiss werden kann, wurden die Häuser traditionell mit speziellen Aufsätzen versehen, welche die Luft in die Gebäude umleiten und dank der damit erreichten Zirkulation wohltuend kühlend wirken. Da ich aber sowieso in einem klimatisierten Hotelzimmer wohnte, hatten diese Türme für mich nur eine architektonische Bedeutung.

Die für Yazd typischen Kühltürme

Ich höre schon fragen, weshalb ich denn in einem klimatisierten Raum hauste. Normalerweise mag ich das nicht sonderlich, da ich mich so schon mehrmals erkältet habe, zu dem ist Yazd zu dieser Jahreszeit auch nicht mehr heiss. Der Schlüssel zu dieser Frage liegt in der iranischen Tourismuspolitik. Ähnlich wie in anderen Ländern auch (China, damals Russland, mittlerweile teilweise auch in Indien) werden Touristen von offizieller Seite als reine Devisenquellen betrachtet, die es zu schröpfen gilt. Anders als in den übrigen Ländern, wo man insbesondere bei den Sehenswürdigkeiten vielfach bis zum zwanzigfachen dessen hinblättern muss, was die Einheimischen für das gleiche bezahlen, gilt dieses System im Iran vor allem auch in Hotels. Von Staats wegen werde die Hotelbesitzer angehalten, den Ausländern horrende Preise abzuknüpfen (zum Beispiel 2$ versus 15$ in einem Hotel in Yazd). Möchte man also eine preiswerte Unterkunft suchen, folgt daraus die nicht gerade logisch klingende Konsequenz, dass man in teureren Unterkünften häufig preiswerter unterkommt als in billigeren. Denn immerhin ein paar Hotelbesitzer kennen die Marktmechanismen gut genug, um zu wissen, dass sie die wenigen Ausländer nur zu sich locken können, wenn sie sie annähernd mit den Einheimischen gleichstellen. Das Problem ist nur jeweils, diese Orte zu finden…

Das Spagett-Sandwich: Eine lokale Spezialität?

Wie auch immer, von Yazd, sind wir dann nach Shiraz weitergereist. Auch Shiraz ist eine Wüstenstadt und liegt in unmittelbarer Nähe von Persepolis, der alten persischen Hauptstadt. Wenn man eine falsche Etymologie im Kopf hat (nämlich Per-se-polis, womit man wohl ähnlich daneben liegt wie der gute Philosoph der vor vielen Jahren meinte: „Persone est quid per se una est“), dürfte diese über zwei Tausend Jahre alte Stätte ein bisschen enttäuschend sein. Nur wenig hat der Zahn der Zeit nicht weggefressen und die ganze Anlage ist eher kleinräumig. Dennoch gibt es viele wunderbare Einzelheiten, die eine genauere Betrachtung alleweil wert sind. So gibt es zum Beispiel bei einer Treppe diverse antike Völker, die dem Perserkönig Geschenke bringen – auch sie müssen Treppensteigen…

Mio muss sich für das Grab eines Dichers besonders gut verhüllen

In Shiraz liegen auch die Gräber von berühmten persischen Dichtern und Heiligen. Die Namen hier aufzuzählen, macht wohl wenig Sinn, da ich annehme, dass sie den wenigsten der Lesern bekannt sein werden. Viele dieser Gräber sind sehr prachtvoll ausgestattet und man kann die Verehrung, welche die Besucher ihnen entgegen bringen noch immer sehr gut spüren. Als wir zum Beispiel zu einem Grab gingen, meinte ein iranischer Tourist, dass wir dort nicht rein gehen dürften. Da aber die Kinder meinten, wir sollten trotzdem gehen und der bärtige Mann auch keinen vernünftigen Grund nennen konnte, liessen wir ihn einfach stehen und versuchten es noch einmal. Diesmal wurde Mio darauf hingewiesen, dass sie einen Chador anziehen müsste. Das ist dieses schwarze Tuch, welches hier im Westen so stereotypisch für den Iran ist. Mit diesem neuen Outfit und dem Drängen der Kinder versuchten wir es noch einmal. Während Mio diesmal reinkam, wurde ich von einem Businessmann wieder rauskomplimentiert. Es stellte sich heraus, dass er meinen etwas schmutzigen Discovery-hut der Würde des Begrabenen nicht entspreche. Also zog ich ihn aus und diesmal gelangten wir ohne Probleme in den riesigen Innenhof und sogar in die „Grabkammer“, die mit allerlei kleinen Spiegeln ausgeschmückt war und wohl zu einem der eindrücklichsten Innenräumen gehörte, die ich je gesehen habe. Doch als ich dann staunend in der Mitte des Raumes stand, wurde mir klar, weshalb es vielen Leuten nicht so passte, dass wir da rein wollten: während wir nur baff dastanden, küssten andere Besucher den Totenschrein, die Türknaufe oder auch einfach nur den Boden…

Nach ein paar Tagen hiess es dann wieder nach Hause zu gehen. Dummerweise hatte ich meinen Rückflug von Ankara, was vielleicht etwa drei Tausend Kilometer von Shiraz liegt. Um die Distanz schnell zurück legen zu können, verabschiedete ich mich von Mio (die sich weiter auf den Weg nach Pakistan und Afghanistan machte) und flog nach Tabriz zurück. Von dort aus ging es mit dem Bus quer durch die Türkei. Das ist eigentlich schade, denn das Busfahren im Iran ist recht abenteuerlich. Anders als in der Türkei, wo man nur VIP-Busse bekommen kann (entsprechen teuer und vollgespickt mit unfreundlichen Verboten wie kein Handy oder kein Schuhe- ausziehen, was auf langen Distanzen besonders ungemütlich ist…) gibt es im Iran zwei Busklassen: Superdelux und Volvo. Der Unterschied hier besteht, anders als es der Name erahnen lässt, weniger in der Fahrzeugmarken als im Alter derselben. Wählt man die Volvoklasse, kommt man leicht auch in einen Mercedesbus, der aber selten älter als 10 Jahre ist. Anders die Superdeluxbusse, von denen wohl auch die jüngsten mindestens dreissig Jahre alt aber dennoch bedeutend bequemer als die alten sind. Zudem sind an allen Ecken farbige Lichter angebracht: so leuchten manche Scheinwerfer in blau, während andere in violett oder grün die Gegend erhellen. Das Innere, dieser alten Busse, welche so sehr an deutsch Heimatfilme aus der frühen Nachkriegszeit erinnern, wird nachts mit diversen roten Lichtern beleuchtet, so dass ich bisweilen das Gefühl hatte, ein Fotolabor rausche vorbei. Mio hingegen fühlte sich eher an diese typischen chinesischen Frisörsalons erinnert, in denen junge Mädchen im roten Licht warten und auf keinen Fall bereit sind, jemandem die Haare zu scheiden…

Persepolis am Abend

Wie auch immer, nach etwa 40 Stunden reisen, kam ich in Ankara an. Recht müde sah mir die Stadt an und sie erinnerte mich besonders in ihren alten Gebieten recht stark an das sympathische bulgarische Plovdiv. Am eindrücklichsten fand ich das überdimensionierte Migrosgebäude. Wer wusste schon, dass es diverse Migrosfilialen in der Türkei gibt. Umso erstaunlicher ist, dass dort die Migros ein Luxusgeschäft ist, nicht so wie bei uns. Dann flog ich nach Hause…

In den Mails, die ich bekommen habe, wurde ich ein paar Mal gefragt, ob es möglich ist, mit Iranern Kontakt aufzunehmen. Darauf muss ich antworten, dass es im Gegenteil schwierig ist, der ständigen Gastfreundschaft zu entkommen. Nicht nur, dass man auf der Strasse alle zwanzig Meter von jemanden angesprochen wird (dabei ist es den Leuten ganz egal, ob wir ihre Freundlichkeiten verstehen können oder nicht: sie sprechen einfach munter in Farsi drauflos); man wird auch an allen Ecken eingeladen. In Esfahan wollten uns ein paar Leute in eine private Disco mitnehmen. In Shiraz trafen wir einen achtzehnjährigen Jungen an, der regelmässig Touristen zu sich einlädt, um sie unter den Tisch zu saufen, wie er stolz erzählte. Jaja, Alkohol ist zwar streng verboten, doch irgendwie scheint jeder ein paar Geschichte zu dem Thema auf Lager zu haben. Im Flugzeug tauschte der Steward von Air Iran seine eMailadresse mit mir aus und meinte, dass ich bei ihm in Tehran wohnen könne, wenn ich das nächste Mal im Iran sei. In Yazd zum Beispiel haben wir die sechzehnjährige Mina kennengelernt. Um ihr Englisch zu vervollkommnen, fährt sie in ihrer Freizeit mit ihrem Vater im Auto herum und lädt Touristen zu sich nach Hause ein und bewirtet sie. So verbrachten auch wir einen ganzen Nachmittag mit ihrer Familie und diskutierten über vieles. Am Abend fuhren sie uns noch zu diversen Sehenswürdigkeiten und auch dort wurden wir köstlich bewirtet. Vielfach mit ausgesprochen Leckeren Süssigkeiten. Vielleicht weil im Iran sonst alles verboten ist, was Spass macht, hat sich eine unglaubliche Fülle an wundervollen Desserts entwickelt (die im übrigen im Kontrast zum etwas eintönigen Essen steht, das man sonst in den Essläden findet).

Erinnerungen an die islamische Revolution

Wie auch immer: mein Mail ist jetzt schon übermässig lange und auch wenn es noch viel zu erzählen gäbe, höre ich hier lieber auf. Einzig bleibt die Frage für mich noch: wenn bei all dieser Freundlichkeit und Güte im Iran das Land ein Teil einer Achse des Bösen sein sollte, dann frage ich mich, kann da eine Achse des Guten überhaupt noch besser sein…?

Ich hoffe man sieht sich bald einmal wieder,
Oliver

2 Responses to Kühle Gräber und zuckersüsse Volvos

  1. swans sagt:

    hey. klingt interessant. wir wollen im april in den iran. was mich interessiert ist was deine freundin während der zeit anhatte, vorallem wenn ihr sagt, ihr wart backpacking – muss man den mantel immer tragen und den rucksack kann man drüber tragen? klingt bloed. ich weiss, aber irgendwie kann ich mir diese verhuellung nur schlecht vorstellen.
    wart ihr hiken? hast du ne ahnung wo ich dazu was finden könnte?
    ich freue mich

    • Oliver sagt:

      Nein, den Mantel trägst du natürlich unter dem Rucksack. Sonst kannst du dich ja überhaupt nicht bewegen. Ich glaube aber, dass der Mantel nicht zwingend ist. Wichtig ist einfach, dass die Arme und die Beine bedeckt sund – und dann muss eine Frau natürlich auch noch das obligate Kopftuch tragen.

      Wandern waren wir nicht. Nur in den Städten sind wie viel herumgelaufen. Für praktische Tipps empfehle ich dir das Iranforum.

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