Kalkutta: Unterwegs mit der letzten Strassenbahn Indiens

Das Victoria Memorial ist eines der Wahrzeichen von Kalkutta.

Nach einer recht unbeschwerlichen Bahnfahrt von Varanasi begann Kalkutta gleich mit einer Enttäuschung: Ich hatte hier eigentlich Kerry treffen wollen. Die gute Freundin von mir hatte im vergangenen Jahr bei uns in Peking auf der Redaktion  ein Praktikum gemacht und arbeitet nun als Flugbegleiterin bei Lufthansa.

Die marode Strassenbahn von Kalkutta

Es hatte sich nämlich mehr oder weniger zufällig so ergeben, dass sie gerade dann einen Flug nach Kalkutta zugewiesen bekam, als auch ich plante, die Stadt zu besuchen. Um diesem Zufall noch ein wenig unter die Arme zu greifen (und auch weil ich in Delhi Probleme hatte, ein neues chinesisches Visum zu bekommen und deswegen plane, dies in Kuala Lumpur zu organisieren. Doch davon berichte ich später noch…) hatte ich meinen Weiterflug um ein paar Tage vorgezogen. Doch dann erfuhr ich, dass Kerry krank war und nicht fliegen konnte.

Im Innern der Strassenbahn von Kalkutta

Aber vielleicht war, das auch ganz gut. Denn mein etwas außergewöhnliches Besichtigungsprogramm hätte ihr wohl nicht sonderlich zugesagt. Besonders interessierte mich nämlich die Straßenbahn der Stadt. Diese hatte sich seit der Elektrifizierung des Streckennetzes im Jahre 1905 (die Inbetriebnahme als Pferdebahn fand am 24. Februar 1873 statt) kaum verändert. Der Wagenpark besteht nach wie vor ausschließlich aus sechsachsigen Triebwagen mit zwei in sich geschlossenen Wagenkästen, deren Konzeption aus den 1920er-Jahren stammt. Derartige Fahrzeuge wurden mit geringfügigen Veränderungen bis 1989 gebaut. Da die Wagen auf der von mir getestesten Strecke nicht viel mehr als Schritttempo erreichen, ist es nicht nötig den Führerstand zu verglasen. Statt einer Windschutzscheibe gibt es vorne einfach ein Gitter. Türen haben die Wagons nicht. Wer will, kann die Bahn jeder Zeit auch während der Fahrt verlassen.

Der Führerstand der Strassenbahn von Kalkutta. Statt einer Windschutzscheibe schaut der Fahrer durch ein Metallgitter.

Die Wagons begrüßen mich micht etwas seltsamen Botschaften. „Der Wagen gehört Dir. Gib Sorge!“, heißt es etwa auf einem Schild. Ich frage mich, was man an der verbeulten und verrosteten Bahn, die ich benutzte, noch kaputt machen könnte.

Der Wagen ist erstaunlich leer.  Nur gerade etwa zehn Passagiere sind mit dieser Bahn unterwegs – viel mehr hätten allerdings auch nicht Platz gehabt. Dass das Netz kaum frequentiert wird, ist indes nicht sonderlich erstaunlich, da die Verkehrsbetriebe ihr Angebot gleich doppelt unattraktiv machen: Zum einen sind die zwar sehr günstigen Strassenbahnen extrem langsam, zum anderen aber ändert sich die Streckenführung andauernd und die Hälfte der Linien auf dem 68 Kilometer langen Schienennetz verkehrt zeitweilig überhaupt nicht, weil scheinbar ständig etwas ohne nennenswerte Ergebnisse saniert wird.

Für Touristen spielt das alles keine Rolle. Ich wollte einfach einmal in der antiquierten Straßenbahn (die neben den Doppelstockwagen in Hongkong wohl eine der außergewöhnlichsten der Welt ist) durch das historische Stadtzentrum fahren. Dass ich nicht der einzige mit einem solchen Bedürnis bin, hat man inzwischen auch bei der Vermarktung von Kalkutta erkennt und man versucht die Strassenbahnen mit dem Prädikat „traditionell“ zu einer Sehenswürdigkeit zu stilisieren.

Da Wang nach dem Ausflug mit der Straßenbahn nun auch noch etwa „Richtiges“ sehen wollte, spazierten wir zum am südlichen Ende des Maidan gelegenen Victoria Memorial. Das weisse Gebäude aus Marmor ist der nach wie vor beliebten Königin Victoria (1819–1901) gewidmet. Insbesondere die weitläufigen Parkanlagen um das Gebäude herum sind sehr schön zu besuchen.

Fleischmarkt von Kalkutta

Eine etwas besondere Sehenswürdigkeit ist der Fleischmarkt von Kalkutta. Wer sich noch nicht bei den Leichenverbrennungen in Varanasi geekelt hat, verspürt dieses Gefühl spätestens hier. In einer weitläufigen Halle sind gehäutete Tiere aufgehängt, vermutlich Schweine. Vögel, die durch die Halle flattern, landen auf den Fleischstücken und reissen sich das heraus, worauf sie gerade Lust verspüren. Den Verkäufer scheint das nicht zu kümmern. Er ist damit beschäftigt, das übriggebliebene Hüftstück auf einem Holztisch in Teile zu schneiden, der kaum sauberer als der blutbefleckte Boden ist. Plötzlich wird mir klar, woher meine letzten drei Durchfälle kamen und ich beginne mich zu fragen, ob es wirklich die Religion ist, welche den Hindus hier das verspeisen von Fleisch verbietet, oder ob sie einfach den Fleischmarkt von Kalkutta gesehen haben.

Ich versuche ein paar Bilder zu machen. Zunächst etwas verstohlen, weil ich denke, dass es die Leute beleidigen könnte, wenn ich ihre Keimstube ablichte. Aber mein Fotografieren schien genauso wie die Vögel keinen zu stören. Auf Grund der schlechten Lichtverhältnisse wurden die Bilder allerdings alle unscharf.

Am Abend genoss ich mein letztes indisches Essen. Als ich die Speisekarte in den Händen hielt, musste ich eine Weile überlegen, was ich am letzten Abend vor der Rück- beziezungsweise Weiterreise nach Malaysia bestelle. Nach einigem Zögern nahm ich dann doch das Tandori Chicken.

Mit Air Asia gings über Malaysia zurück nach Peking. Um die Grenzbeamten weniger zu schockieren, rasierte ich mich zwei Monaten das erste Mal - zumindest grösstenteils.

 

2 Responses to Kalkutta: Unterwegs mit der letzten Strassenbahn Indiens

  1. Talli sagt:

    hey,
    ich hab da mal ne frage zum Rucksackreisen in Indien. Wie reist man denn da von Stadt zu Stadt, mit nem Bus, mit nem Zug? kann man sich da einfach nen Ticket in die naechste Stadt kaufen und los?

    • Oliver sagt:

      Hallo Talli,

      ja, du bewegst dich in Indien so wie in jedem anderen Land: Mit dem Bus für kurzere Distanzen und dem Zug oder Flugzeug für mittlere bis lange. Es ist nicht so schwer, Fahrkarten zu kaufen. Aber auf beliebten Strecken solltest du die Tickets schon frühzeitig buchen.
      Für praktische Fragen zu Reisen in Indien empfehle ich dir das angehängte Forum unter: http://www.traveltalk.weltreiseforum.com/forum9.html

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