Kathmandu: Die Stadt der Tempel

Ausblick auf Katmandu

Es ist schon seltsam: Das bisherige Leben scheint bis zu einem gewissen Grad zu bestimmen, wen man in der Ferne kennenlernt.  So war das auch in Katmandu, wo ich in meinem Hotel im Stadtteil Boudha die Chinesin Lan aus Peking traf.  Die 30-Jährige arbeitet in der chinesischen Hauptstadt bei einer internationalen Werbeagentur und hat eine heimliche Leidenschaft: Sie verehrt den Dalai Lama. In China ist das bereits ein kleineres Verbrechen. Man darf zwar über ihn reden und unterschiedliche Standpunkte vertreten – aber wer den nach chinesischer Lesart bösartigen Separatisten ins Herz geschlossen hat, kann damit bei Freunden kaum punkten.

Lan

So auch Lan. „Das kann ich in meiner Firma niemandem erzählen“, sagt sie mir. Zu hause hatte sie ihren Freunden vorgegeben, dass sie Wandern gehen würde. Der tatsächliche Plan: Zwei Wochen in Kathmandu beten und zwei weitere Wochen in Dharamsala beten. Dazu steht sie jeden Morgen gegen sechs Uhr früh auf und umrundet den Tempel von Boudha. Dabei wirfst sie sich alle paar Meter auf den Boden, oder besser gesagt auf Bretter, die dort bereit liegen, und betet. Wer die aufgeklärte junge Frau im Arbeitsleben in China kennenlernt, wird ihren religiösen Eifer kaum erahnen können. Bei den Umrunden ist häufiger auch eine etwa ältere Chinesin dabei, deren Namen ich nie erfahren habe. Sie hat sich für ein halbes Jahr in einer buddhistische Schule eingeschrieben und Lan dazu bewegt, nach Nepal zu kommen. Die beiden kennen sich offenbar aus einer Untergrund-Buddhismus-Gruppe.  Etwas später bittet mich Lan, ihrer Bekannten dabei zu helfen, einen Mann in der Schweiz zu finden. „Sie möchte auswandern. Sie hat keine Freude mehr in China.“

Mein "Büro". Hier habe ich jeden Tag meine Übersetzungen gemacht.

Da ich für meine Übersetzungsarbeiten jeden Tag bis etwa Mittag in einem Café neben dem Tempel war, hat Lan es sich angewöhnt, mich gewissermassen bei der Arbeit zu besuchen. Am Nachmittag konnten wir dann gemeinsam den einen oder anderen Ausflug in die Umgebung unternehmen.

Am ersten Tag fuhren wir mit dem Taxi nach Patan, einem Vorort von Katmandu. Hier befindet sich auch die Schweizer Botschaft, die ich kurz besuchte. Seit ich die Firma meines Vaters übernommen habe und daran bin, diese in eine Art Pressebüro umzuwandeln, bin ich immer wieder mit solchen unangenehmen amtlichen Dingen beschäftigt. Wie auch immer: Patan ist eine der drei alten Königsstädte im Kathmandutal und unglaublich schön. Hier kann man problemlos ein paar Stunden zwischen den alten Häuser verbringen. Am folgenden Tag fuhren wir mit dem Bus nach Bhaktapur, einer weiteren alten Königsstadt, die etwas ausserhalb von Kathandu liegt. Es ist etwas dunstig. Die grandiose Bergkullise lässt sich bestenfalls erahnen. Nochmal ein Tag später besuchten wir das Stadtzentrum von Katmandu. Auch hier gibt es einzigartige historische Gebäude. Nachdem wir uns entschlossen haben, den Stadtteil ohne Eintrittskarte zu besuchen, beeilten wir uns, alles so schnell wie möglich abzuschreiten. Aufgefallen sind wir am Ende nicht. Aber von allen drei Königstädten war mir deswegen Kathmandu am wenigsten stark in der Erinnerung geblieben.

Auf diese Weise bleibe ich fast eine Woche in Katmandu. Es gefällt mir hier recht gut. Man findet an allen Ecken leckere Kneipen und im Supermarkt um die Ecke kann ich sogar eine Toblerone kaufen. Das Wetter ist mild und sonnig, aber ähnlich dunstig wie in Peking. Ich fürchte, dass ich meinen Lungen hier keinen grossen Dienst erweise, wenn ich länger in der Stadt bleiben. Also entschloss ich mich, weiterzufahren. Lan erklärte spontan, dass sie auch in die Richtung wolle.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Behalte mich mit Facebook im Augeschliessen
Powered by LikeJS
oeffnen
Dies ist der Footer Code