Hustenfreie Kreuzfahrten und klimatisierte Shaolinkämpfer

Geneigte Leser,

Mit dem Schiff von Koba nach Shanghai

in meinem letzten Mail habe ich Euch eine gewisse Überraschung versprochen. Hier habt ihr sie nun: nach dem letzten Mail habe ich den Nachtbus nach Kobe genommen und bin von dort mit der Fähre nach Shanghai gefahren. Ich muss gestehen, dass die Fähre viel besser war als ich es mir vorgestellt habe. Ich erwartete, dass ich auf dem Deck schlafen müsste, aber es gab nicht nur richtige Betten, sondern auch ein Restaurant (wie dumm, dass wir uns für die Dreitagesfahrt mit Instantnudeln eingedeckt haben!), ein Spielcasino und eigentlich auch alles andere, was man von „Traumschiff“ oder „Loveboat“ her kennt. Ich Habe mich allerdings in den drei Tagen zu Tode kartengespielt und weiß nun endgültig, dass Kreuzfahrten nicht das Richtige für mich sind.

Wie in einer kitschigen Szene im Love-Boat

Ankunft in Shanghai: die chinesische Luxusmetropole im Fernen Osten! Die Glitzerpromenade Shanghais nennt sich „Der Bund“ und ist der Ort für verschiedenste chinesische Spielfilme. Mittlerweile ist die Uferstrasse, wie auch die ganze Stadt, mit Werbung voll gestopft (Erstaunlicherweise kein einziges Coca-Cola Banner). An allen Ecken blinken die Neonlichter, in der Ferne ist der seltsame Turm beleuchtet, die Obdachlosen warten geduldig vor den trinkenden Leuten, um das Depot für die Petflaschen zu kassieren. Daneben dröhnt ein DVD-Shop, der bereits Terminator 3 zu einem Preis anbietet, für den man zu Hause nicht einmal eine leere DVD bekäme.

Ansicht von Pudong, Stadtteil von Shanghai

In Shanghai blieb ich allerdings nur eine Nacht. Schon bald ging es im modernen klimatisierten Doppelstöckerzug nach Nanjing. Und bereits hier fiel mir auf, dass China sich in den letzten Jahren nochmals gewandelt hatte (oder bin ich bloß in einer anderen Region?). Die Leute zupfen nicht mehr an meinen Haaren, starren mich nicht mehr stundenlang in einem Zug an, das Ticket wird pro Fahrt bloß noch einmal kontrolliert und vor allem spucken die Leute kaum mehr. Noch vor zwei Jahren hörte man auf einem normal besiedelten Platz alle Sekunden jemand den Schleim hoch ziehen, nun nur noch all paar Stunden. Ob SARS vielleicht nicht doch mehr als bloß eine Geißel für China war?

Mahnmal für den Massenmord von Nanjing

In Nanjing angekommen ging ich einer meiner Lieblingsbeschäftigungen nach: ich besuchte ein Genozid-Denkmal. Diesmal wurden die Japaner dafür angeklagt, dass sie Chinesen im Zweiten Weltkrieg niedergemetzelt haben. Wie in solchen Fällen üblich, konnten sich die Betroffenen nicht auf eine Zahl an Opfern einigen; aber immerhin steht am Eingang in großen goldenen Lettern die Zahl 300 000 – und wer will schon an dem zweifeln, was goldig auf Grau steht. Unabhängig davon, ob die Zahl stimmt oder nicht, so ist doch die recht extreme Sprache auffällig, mit der die ausgestellten Skelette und andere Exponate beschriftet waren. Da ist von den japanischen Bestien die Rede und so weiter… Kein Wunder also, dass Japaner noch immer mit sehr gemischten Gefühlen in China willkommen geheißen werden. Allerdings scheint sich auch das ein bisschen verändert zu haben. Immerhin hat noch niemand Mio verweigert, etwas zu verkaufen, nur weil sie aus Japan kommt.

Sars-Plakat

Vielleicht liegt es auch daran, dass durch die ganze Sars-Epidemie der Tourismus hier ziemlich zusammen gebrochen ist und die Verkäufer sich nicht mehr jeden Stolz leisten können, wer weiß? Tatsache ist jedoch, dass sich noch kaum Touristen nach China wagen, obwohl es schon seit einiger Zeit wieder von der WHO-Gefahrenliste genommen worden ist. Auch scheinen die Leute sich nicht mehr groß zu sorgen: ich habe noch niemanden mit einer Atemmaske gesehen. (Anders in Tokyo, wo immer mal wieder Atemmasken in der U-Bahn auftauchen. Allerdings angeblich aus anderen Gründen).

Markt in Luoyang

Von Nanjing ging’s weiter nach Luoyang. Hier befindet sich das berühmte Shaolinkloster. Das ist der Ort, wo Kong Fu herkommt, ich habe das zumindest so verstanden. Da wir sehr spontan hierher abreisten und Mio es wichtiger fand, dass ich mit ihrer Familie Karaoke singe als dass wir einen brauchbaren Reiseführer kaufen, irren wir nun ziemlich in der Gegend herum, was auch persönlich immer wieder zu großen Spannungen führt…

Wie die Reise weiter geht, das weiß ich noch nicht. Aber da wir schon ganz in der Nähe sind besteht die Chance, dass wir uns die bekannteste Baustelle Chinas anschauen: den Drei-Schluchten-Damm…

In dem Sinne wünsche ich Euch noch eine schöne Zeit zuhause und bis bald,

 

Oliver

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Behalte mich mit Facebook im Augeschliessen
Powered by LikeJS
oeffnen
Dies ist der Footer Code