Hexigten: Im Teamwork durch die Innere Mongolei

Im Wulan Batong Grasland, wo der Qing-Kaiser Kangxi einst die Mongolen besiegte, stellen chinesische Touristen gerne alte Szenen nach

Was Open-Source für die Computerwelt ist, sollte diese Tour für den Tourismus sein: Auf einer Internetseite haben sich etwa 60 Leute zusammengetan, um gemeinsam eine Bus-Rundreise zu organisieren. Der Vorteil: Trotz eines relativ niedrigen Preises muss man sich auf keine Stopps in Souvenirläden gefasst machen. Doch bereits vor der Abfahrt zeigte sich, dass der oft zitierte Teufel in den Details steckte.

Motorräder sind in der Inneren Mongolei ein wichtiges Fortbewegungsmittel

Im unbezahlten und freiwilligen Teamwork  sind grossartige Programme entstanden wie Firefox oder Thunderbird. Unsere Reisegruppe funktionierte nach einem ähnlichen Prinzip. Sobald genügend Leute auf einer Webseite Interesse an einer bestimmten Destination kund getan haben, verteilt ein Administrator die Arbeit. Ein Netizen sucht vor Ort die Hotels und reseviert sie. Ein anderer holt sich bei verschiedenen Bus-Unternehmer Offerten ein. Ein dritter übernimmt die Routenplanung, ein vierter die Preiskalkulation.

Jeder arbeitet unentgeltlich und trägt auf diese Weise zum Gelingen der Rundreise bei. Das schien mir ein recht interessantes Konzept, das ich gerne ausprobieren wollte – dass die Reise dann auch gleich in den Hexgten-Geopark in der Inneren Mongolei ging, den ich ohnehin zu besuchen beabsichtigte, hat meinen Entschluss noch einmal bekräftigt.

Das Innere des Schlafbusses

Als ich am Donnerstagabend am Abfahrtsort ankam, stellte sich heraus, dass es insgesamt sechs Personen mehr gab als Betten. Unklar war zunächst nur, wie das passieren konnte. Man begann die Betten zu zählen und mit der Passagierliste zu vergleichen. Doch das brachte nicht viel, da – wie sich später herausstellte – manche Reisegäste weitere Freunde mitbrachte hatten und sich diese nicht zu erkennen gaben. Eine konfliktträchtige Situation, denn Herr Wang, der gewissermassen der Hauptorganisator der Reise war, wollte niemanden rauswerfen und die Busfahrer ihrerseits wollten nicht losfahren, so lange es zu viele Passagiere gab. Also warteten wir einfach. Nach einer Stunde gab das erste Paar nach und ging nach Hause. Nach einer weiteren Stunde waren auch vier weitere Gäste zermürbt und sagten ihr Wochenendausflug ab.

Die restlichen Passagiere verteilten sich auf zwei Busse einer Bauart, die ich sie bisher erst in China und Indien gesehen habe. Statt Sitzen gab es in ihrem Innern Kajütenbetten. In der Nacht ist das ganz angenehm, weil man tatsächlich leichter ein paar Stunden Schlaf findet. Tagsüber kann man jedoch wegen der niedrigen Decke nicht aufrecht sitzen.

Sonnenuntergang am Dali-See

Nun startete das etwas durchzogene Besuchsprogramm.

Es begann mit einem seltsam geformten Hügel von rund hundert Metern Höhe, den unsere ganze Gruppe bestieg.  Von dieser Erhebung in der Xilingol-Prärie aus hätten wir eigentlich den Sonnenaufgang sehen sollen – doch die fast drei Stunden Verspätung bei der Abfahrt haben wir nicht mehr aufholen können. Die Sonne stand bereits hoch über dem Horizont.

Falsche Vögel bevölkern das Ufergebiet das Dali-Sees

Nach mehreren Stunden Busfahrt kamen wir bei einem für die Region typischen See an, dem Dali-See. Obwohl das Gewässer vermutlich zahlreiche andere Möglichkeiten für einen Zugang zum Ufer geboten hätte, wählten wir die Seite, wo wir Eintritt zahlen mussten. Dafür konnten wir auf erhöhten Holzwegen durch die sumpfige Gegend spazieren und hier und da im Gras Plastikkraniche und andere Vogelarten bewundern.

Am Abend war eine Übernachtung in einer Jurte angesagt. Hier rächte sich indes, dass die für die Reservation zuständige Person sich die Unterkunft nicht angesehen hat. Anstatt in einer richtigen Jurte kamen wir in einem runden Betonbau unter, dessen Form an eine Jurte erinnerte. Auch erfuhren wir hier – eigentlich wenig überraschend – dass wir heute Abend nicht duschen können. Ebenfalls wenig überraschend war, dass eine Reihe von chinesischen Grazien damit nicht einverstanden war und darauf beharrte, in der Nähe in ein „richtiges Hotel“ umzuziehen.

In der mongolischen Beton-Jurte verbrachten wir die Nacht.

Der zweite Tag brachte uns zunächst an einem Windpark vorbei (es ist immer wieder interessant, wie in anderen Kulturen die Sehenswürdigkeiten unterschiedlich bewertet werden), danach zu einem mit Moos bewachsenen Felsen, der mitten im grünen Grasland thronte. Zu Mittag speisten wir in einer kleinen Ortschaft gegenüber dem „5D-Kino“, das noch immer Avatar im Programm hatte.

Den Abend verbringen wir an einem anderen See. Hier derQing-Kaiser Kangxi einst die Mongolen geschlagen. Heute ist das Gelände ein grosser Steppen-Funpark, wo man auf einer rund hundert Meter langen Rutsche die Hügel runterschlittern, mit den Pferden über die Steppe trappen oder sich ganz einfach als alter Krieger verkleiden und alte Kampfszenen nachstellen kann. Es begann zu regnen.

Ob wohl Avatar in 5D statt 3D besser ist?

Der dritte Tag führte zu einem Gestüt, wo die Hälfte unserer Reisegruppe einen etwa zweistündigen Ausritt unternahm. Da es jedoch noch immer regnete, begab ich mich in das lokale Restaurant, um mit anderen Karten zu spielen. Ich hatte noch gar nicht den ersten Trumpf (beziehungsweise das chinesische Äquivalent) ausgespielt, als mir ein starker Alkoholduft in die Nase drang. Ich schaute mich um, sah aber ausser mir, meinen Mitspielern und zwei Angestellten, welche die übrigen Tische abwischten, keine anderen Leute. Nach einer Weile wurde der Duft stärker. Inzwischen war eine Angestellte zu unserem Tisch gekommen. Ich lege die Karten hin und rieche vorsichtig am Lappen. Dieser war in Alkohol getränkt. Offenbar putzt man in dieser Gegend Chinas die Tische mit Baijiu – keine Ahnung, ob es daran liegt, dass der billige Schnaps billiger als Seife ist.

Danach begann die Rückfahrt nach Peking. Es war bereits ein Uhr nachts und es regnete in Strömen, als der Bus schliesslich wieder in der Hauptstadt ankam. Keine gute Ausgangslage für eine weitere Woche Büroarbeit!


5 Responses to Hexigten: Im Teamwork durch die Innere Mongolei

  1. Oh, die Mongolei. Da will ich unbedingt hin!!!!!!!

    Super Sache, mit dieser Busreise, hab ich vorher noch nie was von gehört. Cool.

  2. Diese zusammengewürfelte Self-made-Reise scheint ja ganz gut funktioniert zu haben – mit Geduld ist alles möglich ;-) Wirklich erstaunlich, besser als organisierte Touren in Bolivien zum Beispiel ;-)
    Wo kann man denn solche Gruppenreisen finden?
    lg Doris

    • Oliver sagt:

      Ich fand das auch ganz interessant und eigentlich ein recht gutes Konzept, das man auch in andere Länder übertragen könnte.

      Solche Gruppenreisen findest du im Internet – allerdings musst du dazu einigermassen Chinesisch beherrschen oder jemanden haben, der für dich die Angebote durchsucht. Sobald du mit so einer Gruppe unterwegs bist, kommst du dann auch mit Englisch ganz ordentlich durch.

  3. Tanja sagt:

    Das hört sich insgesamt wirklich spannend an. Auch wenn nicht alles rund läuft, erlebt man dabei anscheinend wirklich viel.

    Gibt es diese Art von Reise denn auch für andere Länder? Oder ist das wirklich eher eine Spezialität in Asien?

    Du kommst aber wirklich auch insgesamt gut rum, wenn ich hier so deinen Blog lese. :-)) Werde mir jetzt gleich mal den nächsten Beitrag durchlesen.

    • Oliver sagt:

      Hallo Tanja,

      keine Ahnung, ob es das in anderen Ländern auch gibt. Ich habe es auch in Asien ausser in China sonst nirgends gesehen. Aber das hängt vielleicht auch damit zusammen, dass das Konzept eher auf Einheimische abzielt und dass dadurch Aussenstehende, die die Sprache nicht beherrschen, nur schwer Zugang haben.

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