Haptische Krieger und gelbe Euphemismen, Lanzhou, 31.7.01

Guten Abend liebe Freunde,

ich befinde mich momentan in Lanzhou, der Hauptstadt der Provinz Gansu, und wollte noch das eine oder andere loswerden, bevor ich in die halbtibetische Wildnis reise, wo die Kommunikationsmöglichkeiten vielleicht ein bisschen eingeschränkter sein könnten. Nachdem ich das letzte Mail aus Peking geschrieben habe, hat sich einiges getan. Zuerst einmal hatte ich die haptische Erfahrung der Grossen Mauer machen können – der dichte Nebel hatte auch seinen Vorteil: man konnte die Massen an chinesischen Touristen nicht so gut sehen und glaubte sich ein bisschen abgesonderter. Es ist erstaunlich, wie viele Chinesen im Sommer Zeit und Muse finden, um ihr eigenes Land zu entdecken.

Terrakotta-Armee in Xian

Danach fuhr ich mit dem Zug nach Xi’an. Weil sich China ja ein kommunistisches Land nennt (obwohl ich noch nie einen wilder ausufernderen Kapitalismus erlebt habe als hier), strebt es eine klassenlose Gesellschaft an. Daraus folgt unweigerlich, dass es auch in den Zügen keine unterschiedlichen Klassen geben kann. Dafür gibt es Hard- und Soft-seater und Hard- und Softsleeper… worin der Unterschied zu den Klassen besteht, kann ich nicht erklären, aber es gibt bestimmt einen! vielleicht sollte ich mal einen der Schaffner fragen. Achja, die Schaffner… ich habe mich hier beim Zugfahren schon mehrmals gefragt, weshalb es etwa fünf Frauen und etwa drei bewaffnete Schaffner braucht, um die Tickets zu kontrollieren. (Vor allem in Anbetracht dessen, dass man die Fahrkarte schon mehrmals vorweisen muss, bevor man den Zug überhaupt gesehen hat und man ohne Ticket den Bahnhof überhaupt nicht betreten kann.) Wie auch immer, ich bin im Zug nach Xi’an gereist und habe für diese 15 stündige Fahrt einen Hardseater gewählt – eigentlich weniger des Ersparnisses wegen, als weil das die einzige Klasse (oh Sorry!) war, mit welcher ich die Stadt innerhalb weniger Tage verlassen konnte. Die Züge sind immer hoffnungslos überbucht! Ich war zwar an allen Ecken davor gewarnt worden, dass ich das nicht überleben würde; tatsächlich hat sich die Reise als recht komfortabel erwiesen und dass ich ein paar Tage zuvor das nationale chinesische Kartenspiel erlernt hatte, kam mir dann zu Gute und schuf bei den Mitreisenden Sympathien.

Eine weitere Brieffreundin mit dem Namen Mimi.

Irgendwann erreichte ich schliesslich Xi’an, eine Stadt in der Groesse Paris (deren exotischer Name aber in Europa die wenigsten kennen). Sie ist, glaube ich, unter den Top-Ten der grössten Drecklöcher der Welt und tatsächlich war immer alles so versmogt, dass ich mich kaum getraue, die Fotos entwickeln zu lassen. Das, was man gesehen hat, war im grossen und ganzen eine dieser modernen chinesischen Grossstädte, in denen die Leute auf ihre 5000 Jahre alte Geschichte unsagbar Stolz sind; es aber kaum Orte gibt, wo man Geschichte erkennen kann, die weiter als ein paar Jahre zurückreicht. Obwohl die Stadt neben der weltbekannten Terakota-Armee nicht viel zu bieten hat, (Zitat einer älteren Deutschen in einer Reisegruppe zu ihrem Mann: „es ist doch eigenartig: alle diese Figuren sehen so unterschiedlich aus, dabei gleicht ein Chinese dem andern wie ein Ei dem anderen…“) gehört sie zu den Hauptattraktionen Chinas. Entsprechend mühsam sind die Leute – versuchen einen mit allen Tricks zu betrügen, zum Beispiel in dem sie statt Yuan Jiao rausgeben (also im Prinzip Rappen statt Franken), oder sie verlangen den Preis für die nächste Nacht, wenn man eine halbe Stunde zu spät aus dem Hotel auscheckt, oder was mir passiert ist: sie erfinden Sondersteuern, um noch mehr verlangen zu können. Ich hatte das Glück, von einer Chinesin rumgeführt zu werden, die mich davor zu schützen wusste.

Nach ein paar Tagen entschloss ich mich, einen Ort aufzusuchen, wo man atmen kann und man vielleicht auch einmal die Sonne sehen kann. Bin also nach Lanzhou gefahren. Die Stadt ist relativ klein; sie hat nur etwa zwei Millionen Einwohner. Vor vielen Jahren war sie einmal ein wichtiger Handelspunkt auf der Seidenstrasse (die im übrigen in Xi’an ihren Ursprung hatte) und wurde in ein wundervolles, enges Tal gepflanzt. Damals wusste keiner, dass die Stadt einmal so wachsen würde, heute merkt es jeder, der hier von einem zum andern Ort möchte: denn da das Tal so eng ist, konnte sich die Stadt nur dem Gelbem Fluss entlang über eine Länge von 20km ausdehnen. Übrigens, wenn jemand ein gutes Beispiel für einen Euphemismus sucht, kann er das gelb im Gelben Fluss heranziehen… Auf beiden Seiten des Tales führt eine Seilbahn auf den Berg hoch – direkt in alte Kloester, die im Sinne der Stadtverschönerung zum 50ten Geburtstag Chinas (also eigentlich einer ansonsten sehr rigorosen und gewaltsamen Modernisierung des Stadtbildes durch Massen von Wolkenkratzern) mitlauter Lämpchen verziert worden sind, so dass sie sich heute kaum von einem McDonaldsrestaurant unterscheiden und den Charme des alten Königspalastes in Veliko Tarnovo (Bulgarien) haben… Aber immerhin: man hat von dort oben eine wunderschöne Aussicht und der Sonnenuntergang von dort oben zu betrachten, ist wunderbares Erlebnis, welches ich vor ein paar Stunden geniessen konnte.

Ich hatte Glück mit dem Wetter: Lanzhou gilt als eine der schmutzigsten Städte Chinas.

Danach habe ich mich entschlossen meine Mails zu checken, wobei mir gerade vier Chinesen neugierig über die Schultern starren und das Gefühl haben, sie könnten was verstehen. Jaja, so nett die Leute hier sind, so mühsam können sie auch sein. Wirklich schlimm und eklig ist es, wenn es um die Hygiene geht. Dass die Leute nicht nur auf der Strasse auf den Boden rotzen, ist ja bekannt. Ekelig finde ich, wenn dann im Restaurant jemand neben mir seinen Schleim auf dem Teppich deponiert. Ein weiteres Problem ist, dass scheinbar noch nicht bei allen Leute angekommen ist, wofür es Toiletten gibt. Nein, dass man immer erst einen dicken Hügel Scheisse runterspuehlen muss ist zwar gewöhnungsbedürftig, aber nicht so übermässig tragisch, aber es gibt ja tatsächlich Leute (in unserem Hotel haben wir einen in flagranti erwischt) die die Dusche und die Toiletten verwechseln…

Aber das Essen ist göttlich!
Liebe Grüsse,

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