Pelling: Die Stadt der Stromausfälle

Pelling

Nur am frühen Morgen konnte man die 8000 Meter hohen Berge sehen.

Dunkel und kalt: Dies war mein erster Eindruck von Pelling. Nachdem ich vier Stunden lang mich auf der Strasse von Gangtok über Gaysing hierher habe durchrütteln lassen, war es schon dunkel als ich ankam. Ich checkte im Hotel Geruda ein, einem der zwei Backpackerhotels, wie es in meinem Reiseführer hiess, und dem einzigen mit Dormitory. Doch bevor ich mich in meinem Hotel einchecken konnte, wurde es dunkel: Stromausfall. Dies wiederholte sich in so schöner Regelmässigkeit, dass ich mich während den folgenden drei Tagen nicht unter die Dusche wagte. Das Wasser war nämlich nur am Abend warm und früh am morgen warm. Ich stelle mir dann stets vor, wie ich unter der Dusche stehe und dann plötzlich das Licht ausgeht und ich im Dunkeln meine Kleider nicht finden kann.

Bei mir im Zimmer waren ein 20-jähriger Finne namens Miko und die Engländerin Gaama. Gaama ist 27 Jahren und gehört zu den Reisenden, die eine unterwegs eine Mission haben müssen. Für sie war die Mission naheliegend: Zuhause in England arbeitete sie Eventmanagerin und Hullahopp-Lehrerin. So lag also nichts näher, als die Reise mit einem Promotionsvideo für ihre Hullahopp-Schule zu verbinden. „Hullahopping through the subcontinent“ wird, wenn der Film einmal fertig ist, eine Reifen schwingende Gaama vor dem Taj Mahal, am Strand von Goa und in einem buddhistischen Tempel beinhalten. Dazu fliessen dann noch ein paar Aufnahmen ein, die ich von ihr vor den Ruinen von Rabdentse gemacht habe.

Rabdentse war bis 1814 die Hauptstadt des Königreichs Sikkim. Heute gibt es an der Stelle nur noch ein paar Ruinen. Wie das Königreich selbst, war auch der Palast erstaunlich klein. Eigentlich wäre das selbst kaum den langen Spaziergang wert, den an Schildern vorbei mit Aufschriften wie „Dont get tired, exiting place comes in 200 meter“ vorbeiführt.  Doch die Aussicht ist eindrücklich. Wir konnten sie an dem nebligen Tag nur erahnen. Auch von den beiden Klöstern konnte man im dichten Nebel kaum etwas erkennen. Ich kroch also schon früh mit meinem Laptop unter die Bettdecke und sah mir einen Film an.

Als ich am kommenden Tag ausgecheckte, fragte mich der Mann an der Rezeption, ob ich nach Indien gehe. Obwohl Sikkim bereits seit 1975 ein Gliedstaat der indischen Staatenunion ist, reden noch immer viele Leute vom restlichen Indien so, als sei es ein anderes Land. Wie es in einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung aus dem Jahre 2004 hiess, sollen bei der Regionalwahl sogar Flaggen des alten Königreichs aufgetaucht. Die Eingliederung Sikkims erfolgte in einer Weise, welche noch immer viele als fragwürdig betrachten, auch wenn heute kaum noch jemand eine staatliche Unabhängigkeit fordert. Seit 2004 wird Sikkim auch im «World Affairs Yearbook 2003/04» zum ersten Mal nicht mehr als unabhängigen Staat auflistet. Zudem würden Sikkimer in Indien diskrimiert, verrät mir ein junger Nepali aus Derjeeling, der in Sikkim IT-Wissenschaft studiert, etwas später in einem Jeep. Das sei für ihn besonders tragisch, da es in seinem Arbeitsfeld eine sehr hohen Wettberb gebe. „Ich habe fast keine andere Chance, als ins Ausland zu gehen“, meinte er und wackelte dabei lustig mit dem Kopf.

Die verrückte Engländerin Gaama, die als Hullahop-Tänzerin um die Welt reist.

Ähnlichkeiten zur Lage in China sind augenfällig. Wie in China hat auch Indien manche der insgesamt 250 Klöster in der Region mit Militär umstellt. Auch in Sikkim können Touristen nicht jeden Ort besuchen, da es mehrere Militärsperrgebiete gibt – insbesondere an der Grenze zu Tibet. Allerdings scheinen die Menschen ihre Religion in einem hohen Masse ausleben zu können. In Sikkim gibt es auch eine Art Familienplanungspolitik. So bekommt jede Frau zu ihrem 50 Geburtstag 50.000 Rupien ausgezahlt. Dies ist eine Art Pension. Der Betrag wird allerdings gekürzt, wenn eine Frau mehr als zwei Kinder bekommen hat. .Ähnlich wie Tibet erlebt auch Sikkim eine massive Zuwanderung von Angehörigen anderer Ethnien. Dies sind jedoch weniger Inder als vielmehr Nepali. Die tibetstämmigen Bhotias und Lepchas sind längst zu einer Minderheit im eigenen Land geworden. Aktuelle Zahlen sprechen von insgesamt nicht mehr als 13 Prozent. Die ethnischen Nepali stellen über 60 Prozent. Doch anders als In Tibet ist es Dehli gelungen, die Weltöffentlichkeit zu beruhigen und mittlerweile wissen selbst viele ausländische Touristen, die in der Provinz reisen, nicht, was vor rund 35 Jahren passiert ist.

China hat übrigens die Annexion nie anerkannt und äusserte gelegentlich sogar selbst Anspruch auf die strategisch günstig gelegenen Täler. Sikkim habe früher dem Dalai Lama in Lhasa Lehen gezahlt, und da Tibet nun völkerrechtlich ein Teil Chinas sei, gelte dies auch für Sikkim, argumentierte man. Mittelfristig dürfte es allerdings Interesse geben, diese Streitigkeiten zu beseitigen, da Kolkatta von Lhasa aus betrachtet der nächste Hochseehafen ist und es für China vermutlich wirtschaftlich sinnvoll wäre, eine direkte Handelsverbindung in Richtung Indien zu etablieren. Das der Trend in diese Richtung geht zeigt auch, dass vor bald vier Jahren ein paar Kilometer östlich des Nathu-La-Passes für ein Grenzübergang aufgegangen ist. Vorerst allerdings nur für einheimisch Bauern.

Miko

Der Finne Miko beim Eingang zu einem Tempel in Sikkim

Immerhin hat sich auch beim Tourismus einiges getan. Ein paar Tage später treffe ich in einem Café in Darjeeling den pensionierten Briten John. Er sieht ein bisschen aus wie Roger Hudgeson von den Supertramp und war bereits 1964 das erste Mal nach Indien gereist,. „Lange bevor die vielen Hippies kamen“, lachte er. Damals sei das Königreich Sikkim total verschlossen gewesen. „Während wir damals auch für Nepal nur ein dreiwöchiges Visum bekamen, das auf die Hauptstadt Kathmandu beschränkt war, war Sikkim eine No-Go-Area.“ Nun will er das nochholen und sich vielleicht in dem Himalaya-Staat niederlassen. Als Freelancer-Programmierer könne er vielleicht sogar ein bisschen etwas verdienen, hofft er. Dass dies allerdings möglich ist, bezweifle ich. Noch immer braucht man für die Region ein Spezialpermit, das mit drei Verlängerungen auf höchsten zwei Monate beschränkt ist.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Behalte mich mit Facebook im Augeschliessen
Powered by LikeJS
oeffnen
Dies ist der Footer Code