Chandigarh: Planwirtschaft für Architekten

Eines der von Le Corbusier entworfenen Sichtbeton-Gebäude im Sektor 1 von Chandigarh.

Städteplanung ist für die Architektur etwa das, was Planwirtschaft für die Ökonomie ist. Deutlich wird dies ganz besonders in Chandigarh, einer Stadt mit einer ganz besonderen Geschichte. Als Indien und Pakistan im Sommer 1947 aus dem britischen Kolonialreich in die Selbständigkeit entlassen wurden, kam es zu einer neuen Grenzziehung, die mitten durch den Punjab ging. Die frühere Hauptstadt der Region, Lahore, ging dabei an Pakistan, so dass der indische Teil des Punjabs ohne Verwaltung blieb. Man entschloss sich also, in der Nähe des kleinen Dorfs Chandigarh einen neuen Regierungssitz zu bauen. Zunächst waren der amerikanische Städteplaner Albert Mayer und sein Partner Matthew Nowitzki mit der Planung beauftragt worden, doch bevor der Bau begann, verunglückte Nowicki tödlich. Der Schweizer Architekt Le Corbusier bekam schließlich den Auftrag. Nach der Abspaltung des Hindi sprechenden Punjab wurde Chandigarh, das direkt von der Zentralregierung aus Neu Delhi regiert wird, die Hauptstadt von zwei Provinzen. Dies ist vermutlich eine recht einzigartige Situation.

Typisches Wohnhaus in Chandigarh

Als ich am späteren Nachmittag die Stadt erreichte (der Bus hätte eigentlich schon am Morgen ankommen sollen, aber bei einer Reise durch Indien gewöhnt man sich an Verspätungen), stellte ich fest, dass alle Hotels ausgebucht waren, weil hier gerade die Cricket-Meisterschaften stattfanden. Ich stiefelte also mit meinem relativ schweren Rucksack durch die glühend heiße Stadt auf der Suche nach einer Unterkunft. Erschwert wurde dies durch die Konstruktion der Häuser. Da die meisten Gebäude von den gleichen Architekten entworfen wurden, haben die kleinen Hotels alle mehr oder weniger den gleichen Grundriss. Entscheidendes Merkmal: Die Rezeption ist immer über eine lange Treppe im ersten Obergeschoss zu finden.

Nach etwa 20 vergeblichen Versuchen entschloss ich mich aufzugeben und direkt nach Amritsar weiterzufahren. In der Busstation sah ich aber auf dem Weg zum Ticketschalter ein Plakat, in dem ein klimatisierter Massenschlafsaal angeboten wurde. Ich entschloss mich, den Raum anzusehen und war damit ganz zufrieden. Es gab zwei Klassen: die billigere in der Mitte, bei der alle im gleichen Raum sind, und die etwas teurere am Rande des großen Raums. Hier waren jeweils vier Betten in einer abschließbaren Box untergebracht. Das hielt ich für akzeptabel und checkte ein.

Die Rettung: Nach etwa 20 vergeblichen Versuchen fand ich hier schliesslich einen Orten zum Übernachten

Am Abend fuhr ich mit dem Bus wieder in die Stadt herein. Dazu muss man wissen, dass Chandigarh in sogenannte Sektoren aufgeteilt ist. Le Corbusier entflocht die städtischen Funktionen zu relativ monokulturlichen Zonen, in denen entweder gewohnt, verkauft oder gearbeitet wird. In den Sektor 17 geht man beispielsweise zum Einkaufen. Wenn man sich danach noch kurz einen Drink genehmigen will, fährt man in den Sektor 35, in dem sich die Kneipen und Restaurants befinden. Was das für die Einheimischen im Alltag bedeutet, hat die Ethnologin Bärbel Högner in einem interessanten Buch verarbeitet, auf das ich lange nach der Reise stieß. Für mich bedeutete dies vor allem eins: Lange Wege. Am Anfang hatte ich auf Grund meiner Abneigung gegenüber Rikscha- und Taxi-Fahrern versucht, zu Fuß zu gehen. Aber das ist in Chandigarh nicht möglich. Auch die Busverbindungen sind alles andere als gut. Ohne eigenes Fahrzeug lässt sich in der geplanten Stadt kaum überleben.

Am nächsten Morgen besuchte ich den Sektor 1, den „Kopf“ der Stadt. Hier hat Le Corbusier seine monumentalen Regierungsbauten hingeklotzt, weswegen Chandigarh noch heute für Architekturfans ein wichtiges Reiseziel ist. Doch auch hier zeigte sich, dass der Architekt nicht weit in die Zukunft blickte, denn das Baumaterial Sichtbeton ist nicht besonders lange haltbar. 60 Jahre nach ihrer Erstellung sehen die riesigen Gebäude zwar noch durchaus beeindruckend (nicht schön, aber beeindruckend) aus, aber von Nahem kann man erkennen, dass der Beton bereits Auflösungserscheinungen zeigt. Wenn die Gebäude nicht bald saniert werden, müssen sie aus Sicherheitsgründen gesperrt und vielleicht sogar abgerissen werden.

Enge Täler führen durch den Skulpturenpark "Rock Garden".

Dennoch ist die Stadt nicht ohne Charme. Besonders angenehm ist, dass die breiten Straßen jeweils von weiten Grünflächen gesäumt sind. Vermutlich hat Le Corbusier mit einer Zunahme des Verkehrs gerechnet und die Straßen so angelegt, dass man sie später verbreitern kann. Schön sind auch die zahlreichen Gärten in der Stadt.

Bemerkenswert ist insbesondere der Skulpturenpark (Rock Garden) von Nek Chand. Der Regierungsbeamte hatte seit 1957 in seiner Freizeit in einem Tal einer Art Naturschutzgebiet damit begonnen, seine eigene Vision der Geschichte von Sukrani zu schaffen. Mit dem Material von abgebrochenen Häusern bildete er zahlreiche Figuren. Als die Behörden 18 Jahre (!) später seine illegale Tätigkeit entdeckten, hatte der Park bereits einen Fläche von 49.000 Quadratmeter erreicht (heute 160.000 Quadratmeter). Zunächst wollte man das Ganze abreisen, doch gelang es Chand, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. So erhielt der Beamte 50 Angestellte, die ihm halfen, sein Werk weiterzuführen und einen Titel als Chef des Parks. Heute ist der Rock Garden mit über 5000 Besuchern pro Tag eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt.

Gerne hätte ich mehr Zeit in Chandigarh verbracht. Aber in dem lärmigen Massenschlafsaal wollte ich nicht weiter bleiben. Also entschloss ich mich am nächsten Tag nach Amritsar weiterzufahren.

Im Rock Garden baute ein lokaler Beamte mit Abbruch-Materialien illegal einen Skulpturenpark auf. Als das Gelände nach 18 Jahren entdeckt wurde, sollte es zunächst abgerissen werde. Heute ist der Park eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stad.

One Response to Chandigarh: Planwirtschaft für Architekten

  1. Chandigarh sollte man noch ergänzen ist auch etwas Besonderes, da es so untypisch für das ist, was Indienreisende erwarten oder kennen. Ich glaube, es ist auch die einzige Bauhausstadt in Indien und die einzige Stadt, in der man überall Mülleimer finden kann.

    Und was den Rocket Garden angeht, bei seiner Entdeckung wurde nicht nur über den Abriß diskutiert . Herr Chand wurde zeitweilig wegen seiner illegalen Bautätigkeit ins Gefängnis geworfen, um dann vor allem durch die Presse doch noch aus dieser Lage befreit und dann geehrt zu werden.
    Ich persönlich finde es auch sehr schön das Kinder unter vier Jahren freien Eintritt haben neben Hundertjährigen.

    Das ist übrigens auch sehr typisch für Indien.

    Ich empfehle auch den Vergnügungssektor mit seinen riesigen Plastikschwänen, um mal eine Art indischen Rummel zu erleben. so eine Art Mini Alster a la Hamburg mit indischen Einschlag.

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