Bundi: Im Palast der wilden Tiere

Der Palast von Bundi thront majestätisch über der Stadt

Auf der Fahrt nach Bundi geschah etwas Außergewöhnliches: Wir kamen schneller an, als vorgesehen. Was eigentlich erfreulich war, wurde jedoch durch die Tatsache getrübt, dass uns der Bus gegen vier Uhr früh auf einem düsteren Marktplatz absetzte. Wir mussten also eine Rikscha nehmen, um in das Hotel zu gelangen, das wir uns ausgesucht hatten. Doch dort reagierte man nicht auf unser Klopfen und Klingeln. Wir warteten vor der bunt verzierten Tür des historischen Gebäudes und hofften, dass doch noch jemand aufmacht.

Warten vor der verschlossenen Türe

Doch es kam noch schlimmer: Um nicht warten zu müssen, wollten wir uns in einer nahe gelegenen Nebenstraße eine andere Unterkunft suchen. Auch dort machte niemand auf, doch als wir wieder auf die Hauptstraße zurückwollten, verharrte dort ein bissig aussehender Hund. Jedes Mal, wenn wir uns ihm näherten, begann er, furchteinflößend zu knurren und zu bellen. Ich weiß: Hunde, die bellen, beißen nicht. Aber Bundi war definitiv nicht der Ort, wo ich dieses Sprichwort verifizieren wollte. So saßen wir also auf der Treppe in der Seitengasse und hörten Musik, um uns die Zeit bis zum Sonnenaufgang zu vertreiben.

Bundi war bis 1956 einer der Fürstenstaaten der Rajputen im heutigen Rajastan, der von der gleichnamigen Stadt regiert wurde. Das Schloss der Herrscher thront noch immer sehr eindrücklich über der Stadt mit ihrem endlosen Meer an blau angestrichenen Häusern. Wir machen uns also auf dem Weg, um den Palast zu besichtigen, der laut Angaben im Lonely Planet in einem desolaten Zustand ist. Das begann schon an der Kasse, wo der Kassierer kein Wechselgeld geben konnte (oder wollte).

Allen Warnungen zum Trotz: Dieses Streifenhörnchen war das wildeste Tier, das wir im Palast fanden.

Nachdem ich im Laden nebenan eine Cola gekauft hatte, drückte man mir einen fetten Holzprügel in die Hand. „Zur Selbstverteidigung“, erklärte mir ein Bekannter des Manns an der Kasse. „Im Schloss gibt es wilde Affenbanden, welche die Leute angreifen.“ Im nächsten Zug bot er an, uns quasi als Leibwächter durch das Schloss zu begleiten und uns jeden Affen vom Hals zu halten. „Gebt mir einfach so viel, wie euch eure Sicherheit wert ist“, sagte er. Ich lehnte dankend ab, den Prügel durfte ich behalten – man weiß ja nie. Affen haben wir allerdings keine gesehen, dafür ein paar niedliche Streifenhörnchen.

Der halbverfallene Palast selbst war etwas enttäuschend. Es ist dunkel und es stinkt. Nur gerade zwei Bereiche sind offen und die hat man innerhalb von 20 Minuten besucht. Der Rest ist aus Sicherheitsgründen geschlossen. Worin allerdings die Gefahr besteht, darüber gehen die Angaben auseinander.In einem Reisebericht habe ich gelesen, dass in den oberen Stockwerken die Böden morsch sind. Ein Wächter erklärte mir jedoch, dass die eigentliche Gefahr bei den zahlreichen Bienenstöcken liegt, die sich im Schloss eingenistet haben. Das scheint mir einleuchtend, denn auch über dem Eingang zum Schloss hatte ich einen Bienenstock hausen sehen.

Der Hof Chitra Shali ist eine der schönsten Ecken des Palasts von Bundi

Was den Besuch dennoch zu einer ganz außergewöhnlichen Erfahrung werden lässt: Man läuft hier praktisch allein, ohne andere Touristen, ohne unerwünschten Führer, ohne nervige Händler durch einen Palast, der offensichtlich seit vielen Jahrzehnten leer steht.

Oberhalb des eigentlichen Palasts befindet sich der im 18. Jahrhundert entstandene Hof Chitra Shali mit seinem angrenzenden hängenden Garten und einem Raum voller Wandmalereien.

Hier treffen wir zwei ältere französische Frauen, die seit einem Monat in Rajahstan von Palast zu Palast reisen und nicht ohne Talent überall Wandgemälde abzeichnen. Die beiden Damen haben sich offensichtlich mit der indischen Kunstgeschichte vertieft auseinander gesetzt und bieten uns eine Art Führung an.

Vexierbild

Es ist tatsächlich interessant, die an Miniaturen erinnernden Wandbilder , die in panoramaartigen Ansichten das Leben bei Hofe in Szene setzen, genauer zu betrachten. Spannend sind vor allem die zahlreichen kleinen Details, auf welche uns die beiden Damen aufmerksam gemacht haben.

An einer Stelle gibt es beispielsweise ein Vexierbild, bei dem ein Teil entweder ein Elefantenrüssel oder ein Pferdekopf ist. Auf einem anderen Bild sieht man einen lüsternen Knaben, der die Jungfrauen beim Baden beobachtet. Wir verbringen fast den ganzen Tag auf der Anhöhe.

Chillischoten im Teig.

Mir ist schon öfters aufgefallen, dass an gewissen Orten jeweils bestimmte Artikel verkauft werden. Bundi ist offensichtlich ein Zentrum für Vorhängeschlösser. Händler bieten sie überall auf der Straße an. Es gab die Schließvorrichtungen in allen Größen, doch besonders bemerkenswert waren die Exemplare, die sich nur mit einem Trick öffnen ließen.

Ein Verkäufer demonstrierte wie das geht: Das gut sichtbare Schlüsselloch hat keine Funktion. Wenn man hier versucht, das Schloss mit dem Schlüssel zu öffnen, greift dieser stets ins Leere. Stattdessen muss man einen kaum sichtbaren Knopf drücken, worauf das richtige Schlüsselloch erscheint. Eine lustige Spielerei, allerdings frage ich mich, ob die meisten Diebe nicht ohnehin eher den Schließbügel durchsägen.

Ein traditioneller Brunnen. Die Treppen führen 46 Meter in die Tiefe.

Gleich hinter dem Markt, wo die Schlösser angeboten wurden, befindet sich das Raniji ki Baori, ein 46 Meter tiefer Baori. Es handelt sich hierbei um eine ganz besondere Art von Brunnen, die für die Region typisch ist. Über zahlreiche Stufen (und Plattformen, auf denen Gläube beten können) und vorbei an endlosen Verzierungen gelangt man zum Wasser. Dieser Baori war 1699 ursprünglich als Ort zum Baden für die lokale Aristokratie angelegt worden, diente jedoch später auch den gewöhnlichen Leuten zur Trinkwassergewinnung und als wichtiger sozialer Treffpunkt.

Heute gibt es hier kaum noch Wasser. Dafür zahlreiche Fledermäuse. In der Stadt befinden sich noch andere Baoris, doch die werden leider nicht besonders gut gepflegt worden zu sein und dienen heute als eine Mischung von Müllhalde und öffentliches Pissoir.

Und hier noch was zum Schmunzeln: Das stand auf der Speisekarte des Hotels.

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