Anuradhapura: Die Wolkenkratzer vergangener Zeiten

Kinder überholen mich auf der Treppe zum Tempelkomplex von Mihintale

Sampath möchte später einmal in Deutschland Koch werden, oder in Frankreich, oder in Italien. Hauptsache weg von Sri Lanka. Der 19-Jährige besucht deswegen in Anuradhapura ein „Cookery College“, wie er erzählt. Er absolviert also eine Ausbildung zum Koch. Ich war dem jungen Herren begegnet, als ich gerade den Bodi-Baum verließ – ein angeblich direkter Spross desjenigen Baumes, unter dem Buddha vor 2500 Jahren die Erleuchtung erlangte. Sampath hatte sich mir einfach angeschlossen und munter drauflos geschwafelt. Jedes Mal, wenn ich etwas eintönig antwortete, fragte er mich: „Magst du denn keine jungen Knaben aus Sri Lanka?“ Die Frage irritierte mich.

Sampath und ich vor dem Jethawanaramaya.

Zusammen mit Sampath radle ich zu einer Dagoba mit dem kaum aussprechbaren Namen Jethawanaramaya. „Das rotbraune Gebäude ist 110 Meter hoch, doch früher ragte es einmal 130 Meter in den Himmel und war damit zu seiner Zeit das dritthöchste Gebäude der Welt“, weiß Sampath.

Offenbar bin ich nicht der erste Tourist, mit dem er hierher kommt. Und dann beginnt er gleich wieder, die Sprachkenntnisse für seine Zukunft auszubessern. „‘Guten Morgen‘, heißt es, ja?“ Das Gebäude beindruckt tatsächlich durch seine Größe, auch wenn ein Teil der Spitze schon seit langem abgebrochen ist.

Vor der Dagoba, dem einst dritthöchsten Gebäude der Welt

Wir waren zur Dagoba gefahren ohne ein Ticket vorzuweisen und betraten nun das Gebäude. Ich erinnere mich, dass ein Taxifahrer am Morgen angeboten hatte, für den halben Eintrittspreis um die Ticket-Checkpoints herum zu fahren. Ich kann mir gut vorstellen, dass viele Leute solche Angebote annehmen.

Denn mit einem Eintrittspreis von 30 Franken zeigen sich die archäologischen Behörden von Sri Lanka alles andere als bescheiden. Besonders ärgerlich: Nur Ausländer werden zur Kasse gebeten. Da ich nun die Hauptsehenswürdigkeit von Anuradhapura kostenlos angeschaut hatte, entschloss ich mich, dieses Glück nicht aufs Spiel zu setzen und stattdessen ins nahe gelegene Mihintale zu fahren, ein rund zehn Kilometer entfernter Tempelkomplex.

Leckeres Essen auf dem Weg nach Mihintale

Ich hatte indes die Kraft der Sonne unterschätzt. Obwohl ich mich mit Sonnencreme hatte und das glühende Zentralgestirn regelmäßig hinter Wolken verschwand, spürte ich nach einer halben Stunde, dass meine Haut zu brennen begann. Da der Weg noch weit war, entschloss ich mich, den nächsten Bus oder Lastwagen anzuhalten und die letzten Kilometer nach Mihintale per Autostopp zurückzulegen. Nach weniger als einer Minute kam der erste Lieferwagen vorbei, der sich sofort bereit erklärte, mich und das Fahrrad mitzunehmen. Hinter dem Steuer saß ein Kriegsveteran, der im Krieg gegen die Tamil Tigers ein Bein verloren hatte. Stolz krempelte er die Hose hoch und zeigte eine Prothese. Wie er den Lieferwagen bedienen konnte, ist mir bis heute nicht klar.

Um den Tempelkomplex von Mihintale zu erreichen, muss man über 800 Stufen unter die Füße nehmen. Das war in der brütenden Hitze des frühen Nachmittags alles andere als eine attraktive Beschäftigung. Ich setzte mich also unter einen kleinen Holzverschlag vor dem Aufstieg und plauderte mit der Verkäuferin und ihrem Mann. Interessant war das Angebot: Kühle Getränke für die Touristen und Betel für die Einheimischen.

Hauptheiligtum des Tempelkomplexes von Mihintale. Im Hintergrund der feurigheisse Felsen.

Ich konnte der Frau bei der Zubereitung des Suchtmittels zusehen. Zuerst schälte sie die Betelnuss und schnitt sie in kleine Stücke. Dann vermischte sie diese gemeinsam mit einer Pasta und Tabakblättern und dreht das Ganze in grüne Blätter. Anschließend wird alles in Zeitungspapier gewickelt, um dann auf der Auslage zwischen Cola und Keksen einen prominenten Platz zu finden.

Zehn Rupien, also umgerechnet rund zehn Rappen kostet der Spaß – und er ist einer der gefragtesten Artikel überhaupt. Schon nach zehn Minuten kommt ein etwas dicker Singhalese mit Schnurrbart und rotgefärbten Zähnen vorbei und erwirbt die Mischung. „Manche Dorfbewohner kaufen sich pro Tag bis zu 30 solche Packungen“, sagt der Mann der Verkäuferin. Ich überschlage kurz: Drei Franken pro Tag für eine Suchtmittel sind bei den niedrigen Löhnen wohl kaum leicht wegzustecken.

Der Weg ganz nach oben führt über angsteinflösende Wege

Endlich ist es kühl genug, um zum Tempel hochzugehen. Ich werde von einer Schulklasse begleitet und überholt. Zahlreiche Kinder rufen mir ungeachtet der Tatsache, dass es bereits gegen 16 Uhr ist, ein freundliches „Good Morning“ entgegen. Die Anlage auf dem Berggipfel ist nicht sonderlich beeindruckend. Es gibt einen steilen Felsen, von dem man eine gute Aussicht hat. Da man aber auf dem Tempelgelände keine Schuhe tragen darf und die Steine glühend heiß sind, fällt es schwer, die an sich grandiose Aussicht zu genießen.

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