Monthly Archives: Februar 2001

Bulgarienreise

Es war fünf Uhr früh, als ich aufstehen musste, um den Weg zum Flughafen im dichten Novembernebel zu finden. (Das mit dem Nebel ist gelogen, schliesslich haben wir ja auch keinen November, aber der Rest stimmt…) Tja… und irgendwie hat dann auch das Flugzeug den Weg nach Sofia gefunden, welches übrigens einen sehr lieblichen Flughafen besitzt. Nur paar wenige Flugzeuge standen dort und ich hatte das Gefühl, eher im afrikanischen Busch als auf dem Balkan gelandet zu sein. Mit dem Bus in die Stadt, wo ich mit der sehr bekannten Betrügerei Bekanntschaft machen durfte; denn der Kontolleur meinte, dass ich das falsche Ticket hätte und verkaufte mir ein zehn Mal teures. Ich glaubte ihm das zwar nicht so ganz, aber auch die teurere Version lag noch unter dem Preis eines Schweizer Tickets. Als ich schliesslich die Stadt erreichte, durfte ich mich darüber ärgern, dass das Hotel, welches ich mir in meinem Lonelyplanet rausgesucht habe, einer grossen Baugrube gewichen ist und dazu erst noch an einer Strasse gestanden haette, die heute nicht mehr so heisst.

Strassenbahn in Sofia (als es die Swissair noch gab)

Die Fahrt nach Sofia war ansonsten ganz amuesant. Im Gegensatz zu den anderen osteuropäischen Ländern, die ich besucht habe, habe ich diesen Sowjetstil in keinem Land mehr so erlebt. Taktvoll (ich meine im gleichem rhythmischen Intervall) ziehen Chrutschtschows archtektonische Einflussnahmen (Sprich: Plattenbauten) an einem vorbei… Geschichte, wie sie lebt. Die Innenstadt hingegen ist recht schön. Tonnenweise steht altes Zeugs rum: Kirchen, Moscheen und ein grosses Denkmal, das daran zu denken mahnt, dass die Russen dermal einst den Tuerken eins auf den Deckel gegeben haben. So anno 1870… und dann halt noch die teilweise sehr speziellen Unterführungen.

Bezauberndes Gässchen in Plovdiv.

Ich bin dann aber gleich am nächsten Morgen nach Plovdiv weitergereist. Diese zwei Stundenfahrt hat mir einen heftigen Muskelkater verpasst, da ich die ganze Zeit stehen musste. Immerhin war ich doch über die Qualität des Zuges überrascht: schnell und kaum holperig. In Plovdiv habe ich eine Brieffreundin von mir treffen wollen. Sie hat mir aber am Tag zuvor geschrieben, dass es ihren Eltern nicht gefalle, dass sie einen Fremden trifft, weshalb sie noch eine Freundin mitnehmen müsse. Nunja, am nächsten Tag ist dann neben der Freundin auch die Mutter gestanden. Wir hatten es recht nett zusammen, auch wenn ich mich mit der Mutter aus sprachlichen Gründen nicht unterhalten konnte. Plovdiv ist eine alte Siedlung, über 2000 Jahre alt und man kann ein schoen restauriertes Amphitheater besichtigen. Während der Römerzeit hiess die Stadt Trimonsium, und die Lateiner unter den Lesern werden nun vielleicht einwerfen, dass in diesem Falle sich mein Muskelkater eher durch die Topographie des Stadt ergeben hat, was vielleicht auch gar nicht so falsch ist.

Kirche in Plovdiv

Nebst der Besichtigungen gab es wenig zu tun. Die Bulgarien sitzen normalerweise in ihren Strassencafes und schauen den Leuten zu. Das ist eine ergiebige Sache, da bei dem schönen Wetter alles auf die Strassen ströhmt. Ich sass auch eine Weile in den Beizen und beobachtete die Leute und machte statistische Untersuchungen. Etwa 50 Prozent der Leute tragen zum Beispiel Sonnenbrillen – wenn nicht gerade nacht ist, oder sie sich in Unterführungen befinden (Unterfuehrungen sind wie erwähnt ein Kapitel für sich… aber ich glaube, das muss man gesehen haben, um es zu glauben. Meine Lieblingsunterführung befindet sich bei Sofier Bahnhof: sie ist etwa 100m lang, nicht beleuchtet, die Treppen sind zusammengefallen und, dem Geschmack nach zu urteilen, dient sie weniger der Unterquerung der Hauptstrasse, denn als Toilette) sind es sogar mehr. Viele Leute tragen schwarze Lederjacken. Anfangs hatte ich Probleme, die Passanten zu unterscheiden, weil ich fand das alle gleich aussehen. Spaeter stellte ich fest, dass es tatsaechlich die gleichen waren, die den ganzen Tag die Strasse rauf und runter liefen. So did I…

Ich habe dort in einem Zimmer bei einer bulgarischen Familie gelebt. Hier vermieten viele Leute ihre leeren Zimmer, da sie mit ihrem Durchschnittseinkommen von rund 200$ kaum über die Runden kommen. Dort hatte ich es recht gemütlich und als ich ging, schenkte mir die Frau sogar ein Blümchen…

Kirche in Varna

Dann ging es weiter nach Burgas. Im Zug lernte ich einen bulgarischen Pensionär kennen. Immerhin sprachen wir 3 Stunden zusammen auf bulgarisch. Das klingt jetzt vielleicht sehr gut, aber meine Sprachkenntnisse sind noch so begrenzt, dass man die ganze Unterhaltung vermutlich in der Muttersprache in etwa 10 Minuten hätte halten können. Später kamen zwei Mädchen ins Abteil. Sie lernen am französischen Gymnasium. Sie haben mir erklaert, dass hier recht viele Leute Französisch sprächen, weil es nach Russisch und vor Englisch die zweite Fremdsprache sei. Wieso das so ist, konnte ich nicht herausfinden. Vermutlich noch von früher als es hiess: Hauptsache nicht Englisch, diese Imperialistensprache! Naja, überzeugt auch nicht ganz. Ich habe auch einen kennengelernt, der Spanisch sprach. Er hat zehn Jahre in Kuba gearbeitet. Kurzum, man kommt hier mit jeder Sprache weiter als mit Englisch.. Burgas gefiel mir aber nicht sonderlich, weshalb ich am nächsten Morgen gleich den Bus nach Varna genommen habe. Inzwischen begann ich mich zu langweilen, denn hier in Bulgarien ist alles so kompliziert. Das beginnt damit, dass die Hälfte der Strassen nicht angeschrieben sind, das Hausnummern fehlen, dass die Strassenbeleuchtung nachts nicht angeschaltet wird, dass die Leute einem kaum behilflich sind und so weiter.

Zigeuner mit Bär

Trotz allem, begann ich aber von Bulgarien genug zu bekommen und entschloss mich, nach Istanbul zu fahren. Von Varna nahm ich einen Überlandbus, in dem die fünf Mitreisenden so viel rauchten, dass man eher das Gefühl hatte, sich in einer Spelunke als in einem modernen Reisecar zu befinden. Nun, hätte ich mehr zu trinken mitgenommen, hätte ich da ja vielleicht einen gemütlich Zechabend simulieren können. Der Grenzübertritt zur Türkei gestaltete sich auf der bulgarischen Seite ein bisschen neurotisch. Ich musste meinen Pass etwa 5 Mal zeigen. Es liess sich leicht erkennen, dass Bulgarien traditionell nicht besonders gute Beziehungen zu seinen Nachbarn pflegt. Das liegt in der modernen Geschichte, als Bulgarien als einziges Land auf dem Balkan zu den streng moskau-verbündeten Staaten gehörte. Auch wenn das nun schon über zehn Jahre zurück liegt, sind die Spuren der Vergangenheit noch überall sehr sichtbar – nicht nur am Grenzübergang.

Hagia Sofia in IstanbulIstanbul war nach dem anstrengenden Bulgarien eine angenehme Abwechslung. Da es ein regelrechtes Travelerparadies ist, traf ich dort auch tonnenweise Leute. Manche ganz nett. Nach einer Woche Bulgarien, wo ich keine westlichen Touristen erkannte, war das dann doch entspannend. Von Istanbul selbst habe ich wenig gesehen, da ich wegen meiner heftigen Erkältung nicht allzu unternehmungsfreudig war. Mehr zwangsmässig sah ich mir die wichtigsten Sehenswürdigkeiten an, solche Dinge wie die Hagia Sofia und andere Dinge, die man halt so kennt; das Highlight war zweifellos mein Spaziergang nach Asien, obwohl ich nicht ganz sicher bin, ob dort Asien auch wirklich schon begonnen hat. Nach drei Tagen nahm ich den Nachtzug nach Sofia wo ich mich mit Steve, einem Mitstudenten, traf.

Damit begann eine ganz andere Reise. Zu erst besichtigen wir zusammen Veliko Tarnovo. Das ist die alte Hauptstadt des bulgarischen Reiches. Wir sassen auf dem renovierten Turm, von wo aus 22 Generation Bulgarien beherrschten. Und was beherrschten wir? Wir beherrschten nicht einmal die Sprache, auch wenn wir inzwischen herauszufinden begannen, dass sich hier wichtige Gesten von den unseren Unterscheiden. Die meisten Leute nicken, wenn sie nein meinen und umgekehrt schütteln sie bei Ja den Kopf. Das ist schon recht irritierend, wenn der Gegenüber die ganze Zeit beim Zuhören den Kopf schüttelt. Man fragt sich, was man wohl falsch gemacht haben mag. Rückblickend bin ich aber erstaunt, wie lange ich gebraucht habe, um das festzustellen. Vielleicht weil man sich hierin auch nicht so ganz einig ist.

Veliko Tornovo

Wie gesagt, Veliko Tarnovo ist eine historisch wichtige Stadt. Ein ganzer Stadtteil zeigt noch den alten Kern. Leider ist das Ganze derart renoviert, dass es wie eine Mischung aus Walt Disney und McDonalds erscheint (KFC und Funky Donut sind auch nicht besser!). Vielleicht hatten wir den Eindruck auch deshalb, weil uns am Stadttor eine animierte Königspuppe begrüsste. Positiv war vor allem, dass wir uns das recht grosse Ruinenfeld nur mit 4 anderen Besuchern teilen musste…

Danach ging es nochmals für einen Tag nach Varna. Wir nahmen eine private Unterkunft. Es war erstaunlich, welche Freude die alte schrumplige Bulgarin an der Tobleronetafel hatte. Als wir am nächsten Tag abreisten, bekamen wir nicht nur ein Blumensträusschen (welches wir dann für unsere abendliche Verabredung gleich verwenden konnten…), sondern auch noch ein Küsschen aus dem tendenziel zahnlosen Mund…

Der Zug führt uns an Industriegebieten vorbei. (Das ist kein AKW).

Im Nachtzug gings zurück nach Sofia. Wir spielten mit dem Schaffner ein pakistanisches Kartenspiel. Der war froh, dass er sein (hervorragendes) Deutsch mal wieder anwenden konnte und wir waren froh, einmal einen dritten Spieler zu haben. In Sofia checkten wir in ein nettes Hotel ein, welches einem medikamenteschmuggelnden Türken gehörte. Wir hatten dort eine Menge Spass. Nicht nur, weil er uns eingehend vor der Gefahr der herumlungernden und klauenden Gypsis warnte (das arme Völkchen kann ja niemals so viel stehlen, dass es seinem schlechten Ruf gerecht werden würde…!) und uns sehr ans Herz legte, uns von seinem Freund nach Melnik fahren zu lassen, wo wir dann zwei Gläser Wein trinken sollten „you go to Melnik, you drink two glass of wine, but no more, more no good! Then Melnik to Sofia“… naja, wir hätten das ja gerne gemacht, aber leider verschliefen wir das. So verpassten wir also auch das Rila Kloster, einer der Hauptsehenswürdigkeiten Bulgariens. Dafür haben wir am Abend zuvor Spass in der Yalta-Disco… wären doch nur ausser uns noch andere Gäste gewesen! Gefrustet stritten wir dann mit den Taxifahrern, weil sie uns allesamt übers Ohr hauen wollten.

Am letzten Abend besuchten wir noch das Euro Jazz Festival, wo wir hervorragende Musik hörten. Ein krönender Abschluss der Reise, denn am nächsten Morgen hiess es, sich den Weg durch die Schneeflocken zum Flugplatz suchen. Als richtige Traveler entschlossen wir uns, lieber das Flugzeug zu verpassen, als ein Taxi zu nehmen. Das ermöglichte einen letzten Blick auf Sofia – eine eigentlich sehenswerte Stadt, die leider einen bitteren Nachgeschmack hinterlässt…

Gehört zwar nicht ganz zum Thema, aber hier noch eine Empfehlung für alle, die sich für Jugendreisen interessieren.

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